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Man müsste Klavier spielen können

von Angelika Petrich-Hornetz

... Wolfgang Clement spielt entweder kein Klavier oder es ist schon länger her. Aber auch als Vokalist gäbe es deutlichen Verbesserungsbedarf. Seit einem Interview mit der FAZ am 31. Oktober über die anstehenden Reformen, ist sein weibliches Publikum deutlich dezimiert, Zitat:

"Wer genau hinschaut, der wird erkennen, dass die neuen Vermittlung- und Zumutbarkeitsregeln bewirken werden, dass wir uns auf die wirklichen Jobsucher konzentrieren. Einmal drastisch gesprochen: die Ehefrauen gutverdienender Angestellter oder Beamter akzeptieren einen Mini-Job oder müssen aus der Arbeitsvermittlung ausscheiden."

Was damit denn genau gemeint war, wollte er uns nicht verraten. So rätseln wir bis heute, ob es sich gar um eine neue SPD-Variante der eigentlich eher von der Opposition bekannten Kopfpauschale handelt: Ein qualifizierter Job pro Familie, die anderen müssen minijobben? Die anderen? Er sprach eindeutig von Ehefrauen und nicht von Ehemännern. Merke: Wirkliche Jobsucher sind männlich oder nicht verheiratet.

Der Deutsche Frauenrat schickte daraufhin einen offenen Brief an Minister Clement, und fragte u. a. ob man denn neuerdings seinen gut ausgebildeten Töchtern in Deutschland dringlich von einer Heirat abraten solle, sofern der Auserwählte über dem Existenzminimum läge? Ob wenigstens der Frauenrat eine Antwort erhielt? Wir wissen es nicht. Während die TAZ vom 15.11. beschwichtigte, der Minister meine ja nur die Gattinnen, die sich arbeitslos melden würden, aber gar nicht arbeiten wollen und wir uns fragen, ob solche Methoden nicht auch von Herren in den letzten Jahren massenhaft gepflegt wurden, war am darauffolgenden Samstag Superminister Clement wieder öffentlich umtriebig in Frauenfragen, denn im Gladbecker Rathaus äußerte er sich als geladener Redner, Zitat aus der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung:

"Zu dem Problem der viel zu kurzen Lebensarbeitszeit komme zum einen die hohe Arbeitslosenzahl, zum anderen die immer älter werdenden Bürger. "Frauen werden ungerechterweise sogar noch älter als die Männer", scherzte er. Man sehe es ihnen zwar nicht an, aber sie würden im Schnitt heute 80 Jahre alt. All´ diese Faktoren bewirkten, dass das Sozialsystem längst an die Grenzen gekommen sei. "Wir leben nur noch von der Substanz"

Wir dürfen wir das nun verstehen? Als Negativbeispiele eigenen sich vor allem Frauen vorzüglich? Nachdem Ehefrauen auf Geheiß des Ministers minijobben, sehen sie durch die geringe Arbeitbelastung mit 80 aus wie 70, und sind nach dem erfolgreichen Aufziehen zukünftiger Rentenzahler nur noch ein unproduktiver Faktor, der von der Substanz lebt? Oder was möchte uns unser Superminister nun damit sagen? Ehefrauen, Rentnerinnen: Wer ist die Nächste bitte?

Die Kabarett die Kaktusblüte beantwortete im Rahmen seines neuen Programms, das in der Mitteldeutschen Zeitung vorgestellt wurde, zumindest die Frage, warum Wolfgang Clement ein Superminister ist: "Das ist wie beim Benzin, der ist nicht normal."

Schwarzer Humor macht vieles erträglicher. Wir hingegen raten ernsthaft: Anstatt sich Ehe und Kindern herumzuärgern und dauernd dumme Bemerkungen einzukassieren, suchen Sie sich lieber einen vernünftigen Job! Da haben Sie wenigstens manchmal Urlaub, ruhige Wochenenden, legen die Beine nach Feierabend hoch und überlassen die nervige Aufzucht und Pflege von Kindern den kopfpauschalisierten Familien, die mit Minijobs dahin vegetieren. Und wenn Sie Ihren Job verlieren, sind sie wenigsten ein wirklicher Jobsucher. Ehefrauen tun ja nur so, als ob, wenn sie sich arbeitsuchend melden.

Wie man Frauen zu einem produktiven Arbeitsleben mit Kindern bewegt, dass macht ebenfalls ganz ernsthaft z. B. Frankreich vor. Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland wird hingegen ein Trauerspiel bleiben, weil bisher alle deutschen Regierungen, die heute diese und morgen andere Programme entwerfen, nicht langfristig planen, hinten herum ihre eigenen Programme verspotten und nicht nur die. Jetzt wissen wir, wie ernst es Herrn Clement vor allem mit den Frauen ist. Ehefrauen, 80zigjährige Frauen, vor allem die müssen abgebaut werden, Männer, die sich arbeitslos melden und gar nicht arbeiten wollen, die gibt es nicht in den Vorstellungen von Politikern, genauso wenig wie Männer über 80.

Wir dürfen also gespannt sein, welche Frauen als nächste für einen "Clement" herhalten müssen. Dumm nur, dass ausgerechnet die die Kinder bekommen. Das Familienminsterium dachte nämlich gleichzeitig darüber nach, wie man denn mehr Frauen dazu bekäme, mehr Kinder zu bekommen. Sie sollten unseren Wirtschafts- und Arbeitsminister befragen, denn vielleicht fällt ihm auch noch ein passender Satz zu unverheirateten, kinderlosen und vor allem weiblichen Berufstätigen ein?

2003-11-17   ©  all rights reserved  Angelika Petrich-Hornetz für
Wirtschaftswetter.de

Quellen: FAZ, TAZ, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Mitteldeutsche Zeitung

© 2003-2006   Angelika Petrich-Hornetz Wirtschaftswetter Online-Zeitschrift

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