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Shopping-Erlebnisse von Marathonläufern auf Vertragsflickenteppichen

von Angelika Petrich-Hornetz

In den News steht der Einzelhandel sucht Lösungen, um Kunden anzulocken. Als ich am Samstag in einem Kaufhaus kurz noch etwas besorgen musste, sah ich überall Hinweise, dass jeder tausendste Kunde seinen Einkauf umsonst bekommt. Wie schön für jeden Tausendsten. Doch was ist mit den 999 anderen?
Das Geschäft war sehr gut besucht, so kurz vor dem relativ neuen Ladenschluss, und ich fragte eine Verkäuferin, ob sie die Kunden gleich vor die Tür schieben müssen. „So ähnlich,“ antwortete sie freundlich. Sie war sehr beschäftigt und doch nett und hilfsbereit. Trotzdem konnte man die allgemeine Anspannung spürgen. Die Stimmung war nicht gut. Das Personal unterbesetzt, die Kassen voll. In einer anderen Abteilung musste ich noch etwas anderes einkaufen, und dann endlich nach Hause, denn auch ich hatte einen sehr langen Tag hinter mir.

Eine Kasse war geradzu brechend voll, eine geschlossen. Da entdeckte ich eine dritte. Als ich glücklich dort eintraf, beschied man mir barsch, diese sei nicht mehr geöffnet. Der Ton wurde scharf, man unterstellte mir sofort, ich möchte nur Ärger verbreiten. Fast schien es, als wollten sie sagen: „Gehen Sie, gehen Sie, Sie sehen doch, dass Sie hier stören!“ Die Namensschilder konnte man auf den bunten Freizeitpullovern nicht ausfindig machen. Man rief mir noch hinterher, ich solle Verständnis haben, es sei Samstag und einige müssen fast jedes Wochenende arbeiten. Und wer hat Verständnis für die Kunden? Arbeiten die alle nicht? Die haben eine Ahnung, als ob im Krankenhaus, bei der Polizei oder Feurwehr am Wochenende geschlossen ist, dachte ich und stellte mich in die Schlange an der überfüllten Kasse, an der eine einzige Kassiererin mit dem Kundenansturm ganz allein fertig werden musste. Ihr mürrischer Gesichtsausdruck sprach Bände.

Aber ist das Personal schuld? Meistens nicht. Eher sind es die klassischen Auswüchse der heutigen Zeit: Zu wenig Personal und das vorhandene arbeitet unter einem wahren Vertragsflickenteppich in vielen großen Häusern. Die alten Tarifverträge lassen Samstagsarbeit nur selten zu, also gibt es umgekehrt Teilzeitkräfte, die andauernd bis auschließlich Samstags arbeiten. Und diese Unterschiede tragen nicht gerade dazu bei, sich als eine große Familie zu fühlen, im Gegenteil. Wenn dann noch mehr zur Unzufriedenheit des Personals beirägt, wie chronische Unterbesetzung, unterschiedliche Bezahlung, anspruchsvolle Kunden, huldigt man Samstag für Samstag der Kalamität, dass ausgerechnet am Nachmittag, wenn die konsumfreudigen Zielgruppen, junge Leute, Frauen und Männer mit ordentlichem Einkommen ausgeschlafen shoppen und bummeln gehen, diese auf maximal schlechtgelauntes und ebenso gekleidetes Hilfspersonal treffen, welches eben nur am Samstag da ist. Kundenrettende Ausnahmen bestätigen die Regel. Muss das wirklich sein? Brauchen nicht gerade solche Kunden richtige Verkaufsprofis?

Es geht auch anders, als in diesem Geschäft. Gleich nebenan in einem kleineren Laden bedienen zwei fröhliche Damen elegant in eine Art Firmenoutfit gekleidet ihre Kunden. Sie bieten an, beraten, lächeln und gehen mit jedem einzelnen Kunden außerordentlich geduldig um. Nach dem Kaufhaus mit seinen genervten Mitarbeitern ein so angenehmes Erlebnis, dass ich mich erkundigen möchte, wie sie die nervige Samstagsarbeit regeln. Sie antworten ganz entspannt, dass sie alle (!) jeden dritten Samstag arbeiten und dafür entsprechend frei bekommen. Und zwar auch hier: alle.

Um zu fragen, wie sie solch einen Coup tariflich und vertraglich vereinbaren konnten, kam ich leider nicht mehr. Die Zeit drängte. Aber der Fall ist klar: So sieht das Shopping-Erlebnis aus, für den der Einkauf am Samstag mehr als geeignet ist, aber nicht mit Graulgesicht zur Arbeit genötig werden! Da sollten sich schleunigst alle an einen Tisch setzen. Aber wir kennen das doch: Wenn die Kunden keine Lust mehr auf solche „Erlebnisse“ haben, dann heißt es wieder: Der Samstag funktioniere nicht, die Kunden blieben einfach weg und es lohne sich nicht. Es lohnt sich schon, nur müssen sich alle anstrengen und hier vor allem Management und die Gewerkschaften, denn die sorgen aktuell für diesen Vertragsflickenteppich, bei dem jeder den Läufer unter sich festhält auf dem er gerade so eben noch steht. Individuelle kunden- und personalfreundliche Betriebsvereinbarungen sind so gut wie ausgeschlossen. Und bald auch wieder der Kunde am Samstag oder kämpft er sich, weil gut trainiert,etwa weiter durch? Ein echter Marathon-Man.


2003-10-11 © Angelika Petrich-Hornetz
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