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Gründungskultur

Zurück in die Zukunft
von Angelika Petrich-Hornetz

Was bewegt die deutsche Wirtschaft zur Zeit? In etwa nichts. Und warum? Ist sie nicht mehr in der Lage einen ordentlichen Beitrag zu leisten? Dieses Platzgehirsche nach dem Internet-Supergau war genauso albern wie die Fehler, über die sich lang und breit aufgeregt wurde. Inzwischen ist auch das vergangen und es bleibt wieder alles beim Alten. Da kann der Blätterwald sich die Finger wund schreiben und Psychologen herausfinden, was sie wollen: Der innovative Jungunternehmer muss sich regelrecht durchschlagen, bevor ihm jemand auch nur ein Ohr leiht. Unternehmensgründungen in Deutschland sind ein Kampf, selbst wenn man einiges gewohnt ist. Eine alte Weisheit: Gute Ideen werden erst verlacht, dann bekämpft und dann nachgeahmt. Daran hat sich gerade in den letzten Jahren, mit ein paar Außnahmen, rein gar nichts geändert. Immer dasselbe. Aber woran mag es liegen? Was ist das für ein Sumpf, der Innovationen verlangsamt und ausbremst, bis sie den verdienten Grad des Nachgeahmtwerdens nicht mehr erreichen oder erst dann, wenn es zu spät ist? Warum um Himmels willen werden sie überhaupt ständig bekämpft? Fängt es schon mit dem Verlachtwerden an?

Verdächtig oft begegnet einem in diesen Bekämpfertruppen von Innovationen nicht der Kluge oder der Bodenständige oder der Vorsichtige oder der Kreative. Denn diese Zeitgenossen würden argumentieren, sie können auch argumentieren. Es ist jemand unaufälligeres, nämlich der Typ Mittelmäßigkeit, in großer Zahl anzutreffen in allen Etagen. Und das fehlte der New Economy. Sie wurde erst durch ihren Größenwahn glücklich. Ansonsten verhielt sie sich genauso dusselig wie das Mittelmaß als solches und damit passten sie wunderbar zusammen: Der Banker, der damals keine Ahnung vom Internet hatte, aber vor lauter Habgier plötzlich auch keine Bilanzen mehr lesen konnte und der Programmierer, der erst gar nicht wusste, was Bilanzen sind - eine selten glückliche Paarung und schon waren sie am Zocken und zwar, wie sonst: mittelmäßig.

Das Mittelmaß ist ein Mysterium in einer Gesellschaft, die es hartnäckig verleugnet, so allgegenwärtig und gleichzeitig unsichtbar. Niemand scheint sie zu kennen, niemand hat sie je getroffen, niemand will mit ihr auch nur das geringte zu tun haben. Wer gibt schon zu, dass er ein mittelmäßiger Manager oder Politiker ist? Wer gibt zu, dass er gewählt oder genommen wurde, weil er der kleinste gemeinsame Nenner war, auf den man sich gerade noch einigen konnte. Kokett bezeichnet man sich als mittelmäßigen Schwimmer. Mittelprächtig ist man marketingwirksam oder nur privat, aber doch niemals beruflich. Ein professioneller Erträglicher? Ein mittelmässiger oder freundlicher ausgedrückt, ein passabler Chef, wie Majestix, weil irgendwer muss ja den Chef mimen, den gibt es heute nicht mehr. Denn Mittelmässigkeit, die sich selbst erkennt, existiert nicht. Die New Economy wurde zurechtgestutzt, nicht aber die Maßlosigkeit der Mittelprächtigkeit in den Köpfen und das bei gleichbleibend schlechter Qualität. Was bleibt ist eine gewisse Unschärfe. Wir handeln unbewusst, unsere Zielgruppen kennen wir nur ungefähr. Wir sind zuerst auf unser eigenes Wohlergehen bedacht, als auf das, was Märkte wirklich interessieren könnte und was sie vor allem bewegen würde.

Wer gibt schon zu, dass er seinen Job mehr schlecht als recht macht, heutzutage in dieser Konjunktur, in der Massen-Arbeitslosigkeit, in der Welt der verschobenen Werte, in der alle nur noch eins fürchten: Veränderung, Verlust! Wer schmeißt seinen Job hin und beginnt von einem Tag auf den anderen einen anderen? Etwa die Mittelmäßigen, die woanders etwas werden? Warum ist das Mittelmaß so weit verbreitet und allgegenwärtig? Warum wird nicht zu Ende gedacht oder auf den Grund gegangen und nach-geforscht und in-formiert? Weil das Mittelmaß in den Gehirnen dieses Landes es nicht zulässt. Ansonsten würden wir uns über soviel Gewöhnlichkeit eher amüsieren, die Mittelpracht täte uns sogar leid aber sie ist gefährlich, sie verursacht Leiden, Reformstau und zu kurzfristiges Denken und das hält unheimlich auf. Aber dafür ist es sehr bequem, das gemütliche Elend.

Wir müssen uns immer überlegen, was wir finanzieren - so einfach ist das, hat einmal jemand formuliert. Was finanzieren wir in diesem Land? Fördern wir das Mittelmaß, dass es so groß werden konnte? Finanzieren wir etwa Bequemlichkeit, Duckmäusertum, Egoismus, Faulheit, Schweigen, tatenloses Zusehen, Vertuschen, Unentschlossenheit und nicht Engagement, Kreativität, Mut, Wahrheit, Urteilsfähigkeit und Talente? Wir leben in einem Gebiet, in dem Eltern ihre hochbegabten Kinder außer Landes schaffen. Das sollte zu denken geben, dann versteht man Pisa oder die Klagen der Ausbildungsbetriebe über Lehrlinge, die Grundrechenarten nicht mehr beherrschen. Konnten Eltern und Lehrer dies tatsächlich nicht bemerkt haben? Oder waren sie schlicht gewöhnliche Lehrer und durchwachsene Eltern, in einem bescheidenen Schulsystem, mit erklecklichen Politikern, mit durchschnittlichen Denkern und leidlichen Dichtern? Soso...

2003-06-18 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © all rights reserved Angelika Petrich-Hornetz
© 2003-2006 Angelika Petrich-Hornetz Wirtschaftswetter Online-Zeitschrift

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