Kim Palmer, Musikerin, Sängerin und Komponistin
ein Potrait von Moon McNeill
Wir leben in einer Zeit, in der Daniel Küblböck, Dieter Bohlen viel Publikum vor und hinter die TV-Schirme und in die Magazine locken, in der die Trashkultur zum geistigen Standard erhoben wird und gleichzeitig anderswo Menschen verhungern, während unsere neuen TV-Helden in Dschungelshows publicitywirksam Maden verzehren. In ganz Deutschland? Nein, in einigen kleinen Enklaven geistvoller Unterhaltung und Information wird auch ohne Zaubertrank Widerstand geleistet und kann man auch einmal die stillen Helden kennen lernen. Jene, die weniger im Scheinwerfer, sondern im Mondlicht stehen, weil sie nicht ihre Seele verkaufen, sondern auch noch unter den schwierigsten Umständen sie selbst bleiben.
Kim Palmer ist eine von Ihnen. Kim Palmer ist Sängerin, Pianistin und Komponistin. Bereits mit achtzehn Jahren zog sie mit einem damals bekannten Plattenstar durch die Konzertsäle Torontos, eine musikalische Karriere war wegen ihres hörbaren Talents vorgezeichnet. Stilistisch zunächst im jazz-rockigen Bereich angesiedelt, fand sie in der pulsierenden Musikszene Torontos schnell ihren Platz. Sie gewann mehrere Musikwettbewerbe, der Durchbrach war greifbar nah. Zu der Zeit, in den beginnenden Siebzigern, zog es auch sie ins sonnige Kalifornien. Sie packte ihren Koffer, um einen kurzen Urlaubstrip zu unternehmen - und kehrte nie wieder zurück.
Zunächst fand Kim in der damals von neuen Impulsen geradezu bebenden Szene Kaliforniens viel Spannendes, dem sie sich nicht entziehen konnte. Sie befand sich zu dem Zeitpunkt auf der Höhe ihrer musikalischen Entwicklung, die Nächte waren warm und immer gab es irgendwo eine Session. Nach einiger Zeit in Kalifornien entwickelte sich, zunächst kaum bemerkbar, dann nicht mehr zu verdrängen eine seltsame Erkrankung, die Kim zunehmend schwächte. In den Nächten auf den Bühnen der Clubs musizierend, tagsüber immer öfter ihrer unerklärlichen Benommenheit nach-gebend, glitt sie langsam in einen zunehmend kränkeren Zustand, für den kein Arzt Abhilfe verschaffen konnte. Schließlich, nach zwei Jahren rapide verfallender Gesundheit, machte eine Freundin sie darauf aufmerksam, dass auf der Fensterbank ihrer Wohnung nur tote Pflanzen standen. Die eilends gerufenen Gaswerke stellten fest, dass Kim Palmer zwei Jahre in ihrer Wohnung ein Gasleck gehabt und das stetig austretende Gas im Schlaf eingeatmet hatte. Zudem hatte sie regelmäßig ihre Pflanzen mit Pestiziden besprüht, was in den USA auch heute noch ganz normal ist. Um die Gefährlichkeit dieser Mittel wusste sie damals nicht.
Die nachfolgende jahrelange Odyssee durch zig Arztpraxen sowie Therapieverfahren schildert Kim Palmer eindrücklich in ihrer Geschichte „Moderne Odysee“, die ich für das „MCS-Lesebuch“ 2003 ins Deutsche übersetzte. Zu Anfang der siebziger Jahre war diese Erkrankung, die Multiple Chemische Sensitivität, noch weitgehend unbekannt. Entsprechend gab es wenig wirklich hilfreiche Ansätze zur Behandlung, jedoch den typisch amerikanischen Optimismus auf Abhilfe durch alle möglichen Therapien. Während Kim eine nach der anderen ausprobierte und trotzdem immer kränker wurde, engagierte sie sich zunehmend in den damals entstehenden der MCS-Selbsthilfegruppen.
Mittlerweile reagierte sie auf eine solch große Anzahl von Stoffen, dass ein normales Leben unmöglich geworden war. Freunde versuchten verzweifelt, der ehemals so vitalen Musikerin einen Platz zu suchen, an dem es ihr besser ging. So übernachtete sie unter freiem Sternenhimmel, auf Veranden, in Badewannen - immer auf der Suche nach einem Ort den sie aushalten konnte. Trotz der Schwere ihrer Erkrankung gab Kim Palmer das Musizieren nie auf - im Gegenteil: Sie benutzte ihre Musik, um die Erkrankung bekannter zu machen und vor den Folgen einer chemisierten Welt zu warnen. Egal, wohin es sie trieb auf der Suche nach Hilfe, ihre Musik blieb das Zentrum ihres Lebens.
Die Musik Kim Palmers ist geprägt von den Erfahrungen dieser Jahre. Zeiten der Obdachlosigkeit werden ebenso thematisiert wie die zunehmende Empfindlichkeit auf Duftstoffe und Chemikalien. Vielleicht durch die begründete Bodenhaftung gelingt es der amerikanischen Musikerin, einen äußerst postiven und nur sehr selten melancholischen Sound zu produzieren. Kims Musik passt in kein gefälliges Mainstream-Raster, sie entzieht sich den gängigen musikalischen Schubladen. Lieder wie „When it all falls down“ von der CD „One woman band“ oder „I can’t stop losing you“ auf der CD „Meltdown to Bliss“ zeigen Kims Gabe, erstklassige Pop-Balladen zu schreiben. Auch mit „No Bridge this heart can cross“ von der CD „Kim Palmer“ hätte sie zweifellos unter anderen Umständen einen veritablen Hit landen können. Stattdessen besang sie ihre Leiden ohne jedes Selbstmitleid auf der CD „Allergic to the 20th Century“, die anlässlich einer Ausstellung und einer Buchpräsentation über obachlose Betroffene den dramatischen Soundtrack bot.
Ihre mittlerweile fünf CD’s hat Kim Palmer im wohl kleinsten Studio der Welt aufgenommen: einem mit spezieller Folie präparierten und abgeschirmten Lastwagenanhänger, in dem sie jahrelang zurückgezogen lebte. Die Erkrankung nahm ihr für viele Jahre alles, selbst die Möglichkeit, in einem Haus zu wohnen, nur ihre Musik konnte sie in ihr jetziges Leben hinüber retten.
Ohne jede komplizierte Studiotechnik nimmt Kim Palmer Lieder auf, deren Magie sich erst durch wirkliches Zuhören dem Ohr erschließt. Mit wenigen Ausnahmen spielt Kim alle Instrumente selbst und übernimmt auch alle aufnahmetechnischen Arbeiten in Eigenregie. Manchmal sorgen befreundete Studiotechniker anschließend für eine digitale Bearbeitung, da die Bauweise ihres Lastwagenstudios gewisse Defizite im Klangvolumen nach sich zieht. Trotz schwierigster Lebensumstände hat Kim es sogar geschafft, Songs für zwei Filme zu schreiben.
Sofort nach seiner Gründung schloss sie sich dem Netzwerk „Künstler mit MCS“ an, da sie mehr als andere auf Kontakte und Unterstützung angewiesen ist. Um ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu verdienen, entwickelte sie z. B. kürzlich das Konzept, Behinderten und ans Haus gebundenen Menschen Klavier- und Gesangsunterricht per Telefon zu geben. Sich aufzugeben, obwohl sie mehrmals am Rande des Todes angekommen war, ist Kim Palmer nie eingefallen.
Für mich ist Kim Palmer ein Vorbild, eine der stillen aber wirklichen Heldinnen der Gegenwart, jene, denen niemand ein Denkmal setzt. Ich möchte es hiermit tun. Kim ist es gelungen, über alle Probleme hinaus einen wunderbar trockenen Humor und eine eigene künstlerische Orientierung zu bewahren - und nie die Hoffnung aufzugeben. Die Bewunderung ihrer Musik, die sie zwar verdient aber nicht erhält, blieb bisher einem kleinen Kreis vorbehalten. Man kann sich denken, dass eine solche Musikerin kein Label, keinen Manager und keinen Plattenvertrag findet. Kim Palmer verkauft ihr Platten daher ausschließlich über ihre Homepage und über das Netzwerk „Künstler mit MCS“. Wer eine kauft, der pflegt die Kultur, die gute Musik und ihre stillen Heldinnen. Darüber hinaus ist es auch eine große Freude und Anerkennung für Kim Palmer, Feedback aus Ländern zu erhalten, die sie in ihrem Leben vermutlich niemals sehen wird.
Bezug von Kims Palmers CDs:
Künstler mit MCS, Postfach 5063, 24062 Kiel
per E-Mail: mcsartists@web.de
www.kimpalmersongs.com
Discografie: One Woman Band (erscheint Mai/Juni 2004), Soulo 2001, Songs from a Porcellain Trailer 1999, Meltdown to bliss 1998, Kim Palmer 1999;
2004-03-26 von Moon McNeill
Text: © all rights reserved by Moon McNeill
Fotos Discographie © 2004 all rights reserved by Kim Palmer
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