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Erichs Rache II*

Kommentar zu Montagsdemonstrationen und Gerechtigkeitsempfinden
von Angelika Petrich-Hornetz

Mundharmonika
Anläßlich der Montagsdemonstrationen bescheinigt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse laut Medienberichten den Ostdeutschen ein tieferes Gerechtigkeitsbedürfnis, Zitat:" "Die Menschen in Ostdeutschland haben ein anderes, tiefer gehendes Gerechtigkeitsbedürfnis als ihre Mitbürger im Westen. Mit friedlichem Massenprotest haben viele von ihnen schon einmal gute Erfahrungen gemacht, als sie das DDR-Regime stürzten."
Stimmt es, wenn der Bundestagspräsident unterscheidet? Was ist dran an dem angeblich tiefer gehenden Gerechtigkeitsbedürfnis und an den Montagsdemonstrationen?

Bei genauer Betrachtung gelangt man zumindest schnell zu dem Ergebnis, dass sich Einseitigkeit mit einem wie tief auch immer gearteten Gerechtigkeitsbedürfnis grundsätzlich nicht verträgt. Die einseitige Sicht der Nachteile durch Hartz IV ist jedoch Programm der Montagsprosteste, wenn man überhaupt von einem Programm sprechen will, denn viel mehr als Ablehnung von Hartz IV findet man nicht. Eine der beteiligten Organisationen, Attac, kritisiert zum Beispiel die Entwürdigung und Enteignung der künftigen Arbeitslosengeld-II-Bezieher. Jemand, der über Gerechtigkeitsbedürfnisse ernsthaft nachdenkt, würde hier genauer hinsehen, und zwar, ob eine Entwürdigung und Enteignung tatsächlich ausschließlich auf der Seite von unmittelbar betroffenen Arbeitslosenhilfeempfängern stattfindet? Wird sie nicht auch seit Jahrzehnten vor allem bei den kleinen und mittleren Einkommen praktiziert, die für eine immer größere Zahl von Erwerbslosen aufkommen müssen? Und auch Unternehmer, und hier vor allem die KMUs stöhnen unter der Last der steigenden Lohnnebenkosten, die Neueinstellungen verhindern. Kann man, wenn man so selbsbewusst behauptet "Wir sind das Volk" tatsächlich eben diese kleinen Arbeitnehmer und Unternehmer außen vor lassen? Und wer behauptet, sie würden nicht entwürdigt, der kennt die westdeutsche Realität nicht, in der es sich nicht das Gros, aber so mancher in seiner Arbeitslosigkeit einigermaßen gut einrichtete, ebenso gut von Schwarzarbeit lebte und für den redlichen Arbeitnehmer nur noch Spott übrig hatte und hat.

Die Organisatoren und Mitläufer der Proteste haben - abgesehen davon, dass bereits 2003 als größtes Jammer-Jahr in den deutschen Wettlauf der Peinlichkeiten einging und ansonsten keine Auswirkungen hatte - einen Großteil der Bevölkerung vergessen. Und kann jemandem allen Ernstes ein größeres Gerechtigkeitsbedürfnis unterstellt werden, der bis jetzt noch nicht einmal wusste, wie Sozialhilfeempfänger auf der einen und Arbeitnehmer auf der anderen Seite des Arbeitslosengeld- oder -hilfebziehers leben? Die meisten Demonstranten und Organisatoren kümmern sich kaum darum, wie sie sich überhaupt vor allem um ihre eigenen Befindlichkeiten kümmern. Dass ausgerechnet der Bundestagspräsident, Herr Thierse bedauerlicherweise vesäumt zu erwähnen, dass ein echtes Gerechtigkeitsbedürfnis seinem Wesen nach mindestens zwei Seiten hat, ist nicht zu entschuldigen. Von ihm darf man mehr erwarten, als von einem einfachen Bürger. Wenn nicht um Gerechtigkeit, worum geht es den Montagsprotestlern in Wirklichkeit?

Es gibt sie - weit weniger in den Medien vertreten als andere Bevölkerungsgruppen - tatsächlich noch, die kleinen Leute, die tagaus, tagein hart für ihr kleines Einkommen arbeiten und die mit ihrem Arbeiteinsatz auch diejenigen unterstützen, die Montags prostestieren und zwar allgemein dagegen und im Besonderen: Dagegen, dass den anderen nämlich auch etwas Gerechtigkeit wiederfährt, für ihre täglich erbrachte Arbeitsleistung. Wofür konkret demonstriert wird, weiß hingegen keiner innerhalb der Protestmärsche wirklich so genau. Aber das muss ja nicht schlecht sein, denn so erreicht man ein wirklich sehr breites Publikum der Unzufriedenen, in das sich der Rentner, dem die Praxisgebühr zuviel ist, der Arbeitslose mit und ohne Kinder und viele andere mühelos einfinden können. Unter ein konkretes Ziel bekommt man solche Gruppen, die sonst wenig miteinander zu tun haben, selten. Dagegen geht dagegen immer.

Nur schade, dass die Proteste so sehr an der Realität so vieler anderer Bevölkerungsgruppen vorbeimarschieren . Und obwohl die Demonstranten ihre ureigenen Interessen in den Mittelpunkt stellen, sind sie längst nicht die Einzigen, die durchaus ernstzunehmende Ansprüche und Bedürfnisse haben. Z. B. die Arbeitnehmer, die die Ansprüche derjenigen, die sich so sehr gegen Hartz IV wehren, bezahlen sollen: Nicht selten wurden und werden Arbeitnehmer mit kleineren Einkommen in der Vergangenheit von den Transferleistungsbeziehern tatsächlich sogar vespottet. Wer den Ostdeutschen mehr Gerechtigkeitsbedüfnis bescheinigt, sollte genauer hinsehen, welches Gerechtigkeitsbedürfnis dahinter steckt, oder ob es sich nicht doch um schlichten, kleinkarierten Egoismus handelt?

Ob es reicht, aus Wut gegen Hartz IV, Gerechtigkeit allein für sich selbst einzufordern, oder ob nicht auch die arbeitende Bevölkerung ein Recht darauf hat, dass ihr Lohn und ihr Gehalt nicht immer mehr Ansprüchen von Erwerbslosen zum Opfer fällt? Diese Frage stellen sich die Protestler und selbst die Organisatoren, wie der DGB, von dem man die Vertretung der Arbeitnehmer-Interessen erwarten darf, viel zu selten. Indessen, die Finanzierbarkeit von Ansprüchen Erwerbsloser ist bereits zum Unaussprechlichen geworden. Jeder der damit kommt, dem wird unterstellt, sich nicht wirklich mit den Notleidenden auseinandersetzen zu wollen. In den Protestreihen wird darum ausgiebig über Ungerechtigkeiten aller Art palavert. Die Finanzierbarkeit der eigenen Exisenzgrundlage ist hingegen weit und breit kein Thema mehr, über das man spricht. Und das ist mehr als bedauerlich. Eine konstruktive Diskussion um machbare Ziele, vermittelbare Werte und eine greifbare Zukunft für alle wird damit von Vorneherein kategorisch ausgeschlossen.

Die Bösen werden hingegen überall und auswärts ausgemacht. Das eigene Zutun, der eigene Beitrag, die Gegenleistung, oder wenigstens ein Denkprozess in diese Richtung, der nichts kostet und schon deshalb durchaus zumutbar ist, steht auffällig selten zur Protest-Debatte. An erster Stelle dagegen eine massive, diffuse Wut und die kennt keine Grenzen: Jedes weitere Detail, jeder aufgeschnappte Brocken von Hartz IV wird begierig von der Menge aufgenommen und zerissen, nach Art des Mobs und nach dem Motto: "Die da oder die da wollen mir etwas wegnehmen, auf das ich einen Anspruch habe!" Doch auf wen bezieht sich dieser Anspruch, auf welcher Eigentleistung beruht er und wer bezahlt ihn? Seltsam, dass vor allem die Vermeidung von Fragen als tiefes Gerechtigkeitsbedürfnis ausgelegt werden kann. Andere bezeichnen ein solches Verhalten ganz schlicht als: Besitzstandswahrung.

Gerechtigkeit kann es nur dort geben, wo beide Waagschalen gleichermaßen bedient werden. Es gibt nicht nur arme Arbeitslose, es gibt genauso viele arme Arbeitnehmer, die immer mehr für Steuern und Sozialversicherungen von ihrem Einkommen abgeben müssen, obwohl sie hart sowie nicht selten unter ihrem Niveau, ihrer Ausbildung und ihren Ansprüchen dafür arbeiten müssen. Für sie scheinen schon lange ganz andere Zumutbarkeitsregeln zu gelten, als für Arbeitslosenhilfeempfänger, denn die Zumutbarkeitsregeln des Marktes sind selten zimperlich. Wer sich für ein Arbeitsleben entscheidet, wird in einer Leistungsgesellschaft nicht mit Samthandschuhen angefasst. Diese Samthandschuhe, die alten Zumutbarkeitsregeln, zu entfernen, das hat auch etwas damit zu tun, dass Privilegien abgebaut werden, um Gerechtigkeit wieder herzustellen. Das hören die Betroffenen, Protestler und der DGB gar nicht gern. Nur sollten sie einmal überlegen, dass der Preis für großzügige Zumutbarkeitsregeln für Erwerbslose immer der ist, dass im Gegenzug die Zumutbarkeitsregeln für Arbeitnehmer und Unternehmen noch mehr verschärft werden. Wer sich die Zahlen anguckt, was diese bereits von ihrem Einkommen abgeben müssen, der weiß, die Grenze ist längst erreicht, Viele wissen nicht mehr, ob es sich überhaupt noch lohnt, sich dermaßen anzustrengen, ob als Angestellter, Arbeiter oder Unternehmer und am Ende hat man noch nicht einmal das heraus, über was sich ein künftiger Arbeitslosengeld-II-Empfänger schon heute im Vorwege lauthals beschwert. Privilegien gibt eben nicht jeder gern auf, doch die Bestrafung, von der die Protestler reden, die trifft seit Einführung der Arbeitslosenversicherung immer mehr diejenigen, die arbeiten. Privilegien aufgeben zu müssen, die andere nicht haben, das hat nichts mit einem Gerechtigkeitsbedürfnis zu tun.

Es gibt nämlich durchaus diejenigen, die genau das nicht wollen: ein unbequemes, anstrengendes Arbeitsleben. Die meisten Menschen sind unverschuldet arbeitslos, weil sich selten jemand selbst entlässt. Das steht außer Frage. Dennoch, das System, welches die Möglichkeit für früher wenige Arbeitslose schaffte, auch ohne eigenes Erwerbseinkommen zu überleben, züchtete sich mit der Zeit eine Anspruchshaltung heran, die weltweit ihresgleichen sucht. Eine wilde Mischung treibt die Proteste an, u.a. bestehend aus westdeutschen Arbeitslosen mit höchsten Ansprüchen plus ostdeutschen Vollversorgten, die eine vor der Arbeitslosenversicherung real existenzbedrohende Arbeitslosigkeit lediglich aus dem Westfernsehen kannten. Dazwischen Agitatoren unterschiedlicher Gruppen - von ganz links bis ganz rechts. Die anderen: Teilweise ahungslose Mitläufer, die irgendwie unzufrieden und gleichzeitig froh sind, Mitmenschen zu finden, denen es auch nicht so rosig zu gehen scheint. Und das ist dann auch alles an großartiger Gemeinsamkeit. Ansonsten: viel Polemik, wenig Inhalt, eine Massen-Verdruss-Veranstaltung, der stets mit der Gefahr einhergeht ziellos, stumpfsinnig und damit offen dafür, von anderen vor den eigenen Karren gespannt zu werden. Wie wäre es mit Montagsgesprächen anstatt Montagsprotesten? Wie wäre es mit konstruktiven Vorschlägen und zunächst einmal der Erkenntnis der eigenen Lage und die Wahrnehmung der Realität und damit der Tatsache, dass nicht nur "wir" sondern auch die anderen, die Arbeitnehmer und Unternehmer das Volk sind? Dass sich die Situation der Protestler durch Hysterie und Massengeschrei alles andere als verbessern wird, ahnen die wenigsten von ihnen auch nur im entferntesten.

Ein Beispiel mit welchen Mitteln, nämlich Massen-Hysterie die Betreiber der Montagsdemonstrationen arbeiten und ein weiteres für ein eher recht seltsam anmutendes Gerechtigkeitsbedürfnis, findet man auf der Seite "Montags-gegen-2010". Dort heißt es, Zitat:" Ständig werden neue Details über die zutiefst massenfeindlichen Folgen der Hartz-IV-Gesetze bekannt. Das Neueste: Auch Sparbücher von Kindern gehören zum "Vermögen" der Familie, das zukünftig mit dem Anspruch auf das Arbeitslosengeld II verrechnet werden kann. In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen waren sich gestern Tausende Teilnehmer bei Montagsaktionen in mindestens sechs Städten einig, dass der Kampf gegen Hartz IV jetzt erst richtig los geht" Zitatende.

Da fragt sich Ottilie Normalverbraucherin durchaus, was denn das Vermögen von eigenen Kindern sonst sein soll, als Familieneinkommen? Etwa das persönliche, exorbitante Taschengeld, outgesourct auf Schweizer Konten? Vielleicht der nächste Anspruch, denn man als Nichterwerbstätiger gesetzlich unbedingt zementieren sollte: die grundsätzliche Unantastbarkeit von Kinderkonten und Ausbildungsverträgen. Da das Kleinrechnen von eigenem Einkommen, indem man es auf Kinderkonten parkt, wenn auch glücklicherweise nicht überall, doch aus unterschiedlichen Gründen durchaus gängige Praxis ist, wird dem dann ebenso unantastbaren Erwerbslosenanspruch keine Grenzen mehr gesetzt. Überhaupt, es wird sehr, sehr viel von Ansprüchen geredet. Von "Leistung" wird nur dann gesprochen, wenn man der Empfänger irgendeiner Leistung ist. Leistung ist etwas passives, was man erhält. An Aktivität und Dynamik hat "Leistung" innerhalb von nur zwei Jahrzehnten deutlich an Wert verloren,

Das o.g. Zitat sagt außerdem etwas über die Aktivitäten zur Besitzstandwahrung von priviligiert Bedürftigen aus: Bei über 2,8 Millionen Sozialhilfeempfängern ist das Familieneinkommen nämlich noch Familieneinkommen - solange Kinder minderjährig sind. Besitzstandswahrer erkennt man leicht daran, dass ihnen die Bedingungen, mit denen andere Bevölkerungsgruppen bereits lange zu leben haben, erst dann auffallen, wenn sie selbst plötzlich davon betroffen sind. Bis jetzt scherten sich auffällig wenige Protestler gegen Hartz IV darum, wie und von was Sozialhilfeempfänger eigentlich leben. Und natürlich weiß auch jeder andere Haushalt , dass man nur soviel auf das Sparbuch seiner Kinder verfrachten kann und auch nur dann eine Ausbildungsversicherung abschließen und halten kann, wenn das Geld dazu vorhanden ist. Ist es den Bewohnern unseres Sozialstaates tatsächlich schon dermaßen abhanden gekommen, das Wissen um wirtschaftliche Zusammenhänge, um sich den Luxus im Mikrokosmos Haushalt und im Makrokosmos Sozialstaat überhaupt leisten zu können? Ganz danach sieht es aus.

Die Proteste gegen Hartz IV versuchen sich in schlichter Besitzstandswahrung, sonst nichts. Sie kümmern sich vorwiegend um den Erhalt des wenn auch bescheidenen eigenen Wohlstands. Nur, selbstverständlich ist selbst dieser bescheidene Wohlstand auch für andere längst nicht mehr. Ist diese Realität vielleicht immer noch unbekannt? Warum? Weil man bisher immer von irgendwem und von irgendwas leidlich lebte? Das gleiche Recht für alle langfristig Erwerbslosen als Ungerechtigkeit zu verkaufen, ist schon ein interessanter Versuch, Einseitigkeit zu propagieren. Genauso wie die totale Ausblendung der nicht weniger vorhandenen Tatsache, dass selbst so mancher arbeitende Haushalt gar nichts übrig hat, um Versicherungen abzuschließen, aber die Besitzstandwahrung von Erwerbslosen mitfinanziert, als wäre sie so selbstverständlich. Dabei ist das Halten von Versicherungen und Sparbüchern eben auch nichts anderes, als nur einer von vielen Ansprüchen, um deren Erfüllung sich in Zeiten von Massenarbeitslosigkeit offensichtlich vorwiegend andere zu kümmern haben. Niemand kann etwas sparen, der nichts zum Sparen hat. Warum ausgerechnet Arbeitslosenhilfeempfänger hier Ansprüche zementieren konnten, die selbst so manchen Familien mit mittlerem Einkommen ihren Kindern nicht zu gewähren vergönnt ist, ist nur ein Beispiel für eine ausufernde Anspruchshaltung, die man sich mit einem System heranzog, dass vor allem einen benachteiligte: Den Arbeitnehmer und die Arbeitnehmerin kleinerer Einkommen.

Sie wurden und werden tatsächlich gefragt und fragen sich selbst immer öfter, warum sie überhaupt noch arbeiten. Ansprüche auf Häuser, Autos und Vermögen völlig losgelöst von eigenem Einkommen zu definieren, bei gleichzeitiger Inanspruchnahme von öffentlicher Hilfe, für deren Gewährleistung andere schwer arbeiten müssen? Hier stellt sich wirklich die Frage, wozu die Mühe, wozu soviel des Tages für den eigenen Lebensunterhalt sorgen, den doch andere, ohne Haus, ohne Auto ohne Vermögen ebensogut aufbringen können. Eine höchst seltsame Auffassung von tief empfundenen Gerechtigkeitsbedürfnis, das seine Leistungsträger schmäht und Besitzstandwahrung nur dort verunglimpft, wo diese auf eigner Leistung beruht, aber umgekehrt jeden und alles für Erwerbslosigkeit zur Verantwortung zieht - außer sich selbst. Trotz der Tatsache, dass es tatsächlich zu wenig Arbeitsplätze gibt: Eigenverantwortung komplett auszuschließen ist etwas, was man normalerweise maximal noch Vierjährigen durchgehen lässt.

Von Enteignung zu sprechen, aber die Enteignung von Einkommen anderer stillschweigend als Selbstverständlichkeit hinzunehmen, das hat nichts mit einem tieferen Gerechtigkeitsbedürnis zu tun, im Gegenteil. Es dürfte weitgehend bekannt sein, dass man sich allein den Luxus "Zeit" erst einmal leisten muss, regelmäßig auf die Straße zu gehen und laut zu klagen. Es hat wenig mit einem Leidensdruck zu tun, der so groß ist, dass er nicht mehr auszuhalten ist. Es ist immer noch eine Klage auf hohem Niveau, sonst gäbe es andere, wichtigere und gewichtigere Argumente als die "Sparbücher der Kinder" oder eine "Ausbildungsversicherung" - die wie gesagt, mitnichten zur Grundversorgung gehört.

Eines ist dabei - zumindest einigen Teilen der Bevölkerung - klar: Unantastbar sind Kindersparbücher und Ausbildungsversicherungen nicht und noch nie gewesen! Und dieses Kindersparbuch-Zitat spricht ebenso Bände für die Plattheit, mit der ein Versuch der Argumentation gestartet wird. Es ist jedoch nichts anderes, als ein Aufruf zum Massenwahn. Die böse Regierung nimmt den Kindern die Sparbücher weg. Dass die bösen Eltern den eigenen Kindern gerade ihre Zukunft verbauen, indem sie sich auf die eigenen Ansprüche konzentrieren begreifen die meisten Protestler nicht. In der öffentlichen Hysterie um schwindenden Wohlstand und Arbeitslosenhilfe-Vorteilen wird von Kindersparbüchern gesprochen, aber die Kinder, die eigenen und insbesondere die der anderen, interessieren nicht wirklich. Wie sie nämlich in zwanzig Jahren all die Ansprüche bezahlen sollen, die jetzt von ihren Eltern und anderen Erwachsenen festgeschrieben werden, fragt sich niemand. Oder hat schon einmal jemand aus den Protestreihen mit konkreten Vorschlägen für 1,08 Millionen Kinder in der Sozialhilfe gedacht - vor der geplanten Zusammenlegung von Sozial- und Arbeitslosenhilfe? Nein, das hat niemand und auch das zeigt, worum es in Wahrheit geht: Um den eigenen Anspruch und nicht um Gerechtigkeit für alle!

Es ist schon merkwürdig, dass dieses angebliche Gerechtigkeitempfinden für Eltern vermögender Kinder, auch erst jetzt so massiv einsetzt und man sich bisher nicht um die Millionen Sozialhilfeempfänger scherte. Genauso seltsam auch, dass sich immer noch kaum einer der tiefen Gerechtigkeitsbedürftiger darum kümmert, ob der Arbeitnehmer, der ihren Lebensunterhalt finanziert, solch einen Vermögensaufbau für den eigenen Nachwuchs je wird leisten können? Die Beiträge für Rentner, Arbeitslose und Krankenversicherung lassen nicht viel übrig. Vor allem junge Arbeitnehmer verdienen immer weniger und sie müssen immer mehr Erwerblose und ehemalige Gutverdiener durchfüttern. Es ist ein Teufelskreislauf, wenn man erst einmal das Leben der grundsätzlichen Eigenverantwortung verlässt und nur noch in Ansprüchen an den Staat denkt. Plötzlich stehen Ansprüche gegen Ansprüche gegen Ansprüche und der, der sie befriedigen soll hat nichts mehr zu sagen, keine Zeit, zuviele Ansprüche zu befriedigen.

Wer mit Vermögen ist so bedürftig, so dass er der Hilfe der Gemeinschaft wirklich bedarf? Eine für nicht wenige durchaus unangenehme Frage, doch die Pflicht zum eigenen Erwerbseinkommen besteht schon immer für jeden Erwachsenen vor jedem Anspruch auf Unterhalt durch Dritte. Damit ist der Zugriff auf das Einkommen anderer nicht so selbstverständlich, wie uns manche nun weis machen wollen. Kann man zum Beispiel tatsächlich von einer Friseuse, die sehr wenig verdient, ohne schlechtes Gewissen verlangen, dass sie mit ihrem kleinem Einkommen, aber saftigen Sozialabgaben, das Haus eines Arbeitslosenhilfeempfängers erhält und die Gartenschaukel seiner Kinder finanziert? Wann bekommt diese Friseuse selbst eine gerechte Chance darauf, ihren eigenen Kindern Vermögen und Gartenschaukel aufzubauen? Antwort: Diese Chance bekommt sie nie, wenn die Abgaben weiter in dem bisherigen Tempo steigen.

Besitzstandswahrung hat nichts mit Gerechtigkeitsbedürfnis zu tun, nur war Besitzstandwahrung Made in Germany bis zu den Reformen eher eine westdeutsche Erfindung. Erstmalig wird nun auch Ostdeutschland aus dem Dornrösschenschlaf vergangener Konjunkturherrlichkeit unsanft geweckt. Nicht ein tieferes Gerechtigkeitsempfinden, sondern schnöder westlicher Sozialneid, Missgunst und Angst um die eigenen Felle werden wach bei denen, die so friedlich und staatlich abgesichert lang genug schliefen. Es scheint im Westen wie im Osten nicht allen zu schmecken, dass vor jedem eigenen Einkommen die eigene Leistung steht, egal wie mies die Wirtschaftslage auch sein mag und egal wieviel Glück der Nachbar hat und wieviel Pech man selbst.

Auffällig unbeachtet von den Protesten bleibt übrigens, dass sich die Lage für Sozialhilfeempfänger durch die Zusammenlegung zum Arbeitslosengeld II entspannt. Auch so manche Alleinerziehende, von denen jede Vierte von Sozialhilfe lebt, wird sich verbessern und das heißt: Verbesserungen für sehr arme Haushalte, in denen Kinder leben. So wird weder auf das Auto noch auf das Einkommen von Eltern erwachsener Bezieher zugegriffen und die Freibeträge bei Arbeitsaufnahme liegen wesentlich höher als bisher. Ist es vielleicht unbequem oder stört es die diffusen Proteste in ihrer durchgehenden Klage, dass man konkrete Verbesserungen für bisherige Sozialhilfebezieher lieber verschweigt, während man die Masse aufwiegelt? Oder hat so mancher bisher besser gestellte Arbeitslosenhilfeempfänger vielleicht auch einfach kein Interesse daran, dass ehemalige Sozialhilfeempfänger zu ihm oder zu ihr aufschließen? Allein die oben angesprochene Unkenntnis über die Modalitäten der Sozialhilfe legen diese Vermutung nahe, denn sie sind ja nicht neu, sondern jahzehntealt. Ein deutlich feststellbares, mangelndes Interesse an Sozialhilfeempfängern, Arbeitnehmern, Finanzierbarkeit von Ansprüchen und wirtschafltichen Zusammenhängen schürt eher berechtigte Zweifel an einem tieferen Gerechtigkeitsbedürnis, denn dieses setzt immer die Sicht über den ureigenen Tellerand voraus. Das ist hier leider nicht gegeben.

Fazit Wählen zu dürfen, ob man sich für ein Arbeitsleben entscheidet oder nicht ist passé. Ansprüche durchsetzen zu wollen, die ohne eine entsprechende Gegenleistung nicht erfüllbar sind, sind Luxus von gestern sowohl im Osten als im Westen und auf beiden Seiten wollen das einige einfach nicht begreifen. Außerdem ist es die Chance für Organisationen aus allen möglichen Richtungen, die unzufriedenen Protesler einzusammeln und vor den eigenen Karren zu spannen, von dem die Demonstranten häufig noch nicht einmal wissen, ob der nicht noch schneller in noch größeren Dreck fährt, als der, für den sie Hartz IV heute halten.

Die alte, untätige Gemütlichkeit der Arbeitslosenversicherung und die Sicherheit voller Staatsversorgung wird es nie wieder geben, so oder so, mit dieser oder irgendeiner einer anderen Regierung. Das gemütliche Elend ist vorbei. Wer sich nicht bewegt, außer zu Demonstrationen, darf sich vorwerfen lassen, vor allem den eigenen Besitzstand auch auf Kosten anderer wahren zu wollen und lediglich lauter zu klagen als diejenigen, die viel zu viel Arbeit haben. Und davon gibt es tatsächlich einige, nur hört man sie selten, sie haben einfach zu wenig Zeit zum Jaulen. Bundestagspräsident Thierse hätte diese Arbeitnehmer und Unternehmer und deren ebenso tief ausgeprägtes Gerechtigkeitsbedürnis nicht unterschätzen dürfen, denn die Freiheit ist bekanntlich immer die Freiheit des Andersdenkenden. Die "Montagsdemonstrationen" verdienen den Namen nicht, unter dem sie stattfinden. Es geht nicht um Freiheit, es geht nicht um Gerechtigkeit - es geht um nichts anderes als um schnöde Besitzstandswahrung nach Art altbekannter, staatlicher Vollversorgung, die der Vergangenheit angehört. Ein Vorschlag darum zur Umbenennung, und zwar in : "Erichs Rache II*"

2004-08-09 Angelika Petrich-Hornetz
Text © all rights reserved by Angelika Petrich-Hornetz
Bild © all rights reserved by Nadja Schüller-Ost

Warum Erichs Rache Zwei? Erichs Rache geht auf den humorvollen Beitrag von Matthias Mehnert zurück, der sich einige Zeit auf der Startseite befand. Herr Mehnert bemerkte, dass die Bevölkerung in der ehemaligen DDR bei Festivitäten dazu angehalten wurde, "Hoch Erich" zu skandieren. Als das Wetterhoch "Erich" Deutschland Ende Juli endlich den lang ersehnten Sommer bescherte, fragte Herr Mehnert so treffend und mit viel Witz, ob das Hoch Erich etwa die Rache Erichs sei. "Die Rache Erichs I" ist also das Mehnertsche Sommer-Hoch, "die Rache Erichs II" ist der Kommentar sowie der Vorschlag zur Umbenennung der Montagsdemonstrationen von Angelika Petrich-Hornetz.

Weiter blättern: Die Hausfrauenrevolution - Interview mit Marie Theres Krötz-Relin

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