Wirtschaftswetter    Google-Anzeige   

Sri Lanka nach dem Seebeben


Teil 3 - Brief an die Spender und Bericht über die Lage vor Ort im März 2005
von Thomas Gerbracht

Sri Lanka nach dem Tsunami - ein Boot auf dem Weg Liebe Freunde, liebe Spender,

mittlerweile bin ich wieder zur Tropeninsel Sri Lanka zurückgekehrt, nachdem ich fast zwei Wochen in der Eiseskälte Deutschlands mehr als 2000 km auf schneebedeckten Straßen zugebracht habe. Ich war wieder aufs Neue geschockt, als ich von Colombo nach Weligama fuhr und die immer noch herrschende Zerstörung wieder sehen musste, aber auch neugierig wieder zurück nach Weligama zu kommen, wo mittlerweile auch Prominente wie die beiden Expräsidenten Bush und Clinton sowie Sting und Trudi Styler nach dem Rechten schauten.

Zuerst möchte ich mich hiermit nochmals bei allen Spendern herzlich für die hervorragende Mithilfe und Spendenbereitschaft bedanken! Bei meinem Besuch in Deutschland hatte ich ja bereits die Gelegenheit dies größtenteils persönlich tun zu können. Ich hatte auch die Möglichkeit an einigen Benefizveranstaltungen teilnehmen zu können, um nochmals nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass immer noch Hilfe benötigt wird. Dank Ihres Einsatzes und Mitwirkens konnten wir Phase 1, die Soforthilfe, erfolgreich abschließen. Die Versorgungen mit Trinkwasser, Lebensmitteln, Küchengeschirr und temporärer oder Zeltbehausung sind zu einem großen Teil sichergestellt.

Wir beginnen jetzt mit Phase 2, dem Wiederaufbau, und zwar konkret mit der Errichtung von Wohnmöglichkeiten für die Tsunami-Geschädigten, sowie der Bereitstellung von Arbeitsplätzen bzw. der Ermöglichung des Entrepeneur-Tums für die Betroffenen. Damit diese Vorhaben nachhaltig und langfristig erfolgreich werden, bitten wir Sie alle um weitere Begleitung unsere Aktivitäten vor Ort. Wir haben mittlerweile auch gelernt, dass es gar nicht so einfach ist zu helfen, jedem gerecht zu werden und dass Hilfe auch manchmal Agressivität und Neid erzeugt, speziell bei denen, die meinen, einige hätten mehr bekommen als andere. Somit haben wir uns entschlossen, anonymer zu arbeiten, um eben keinen Neid zu erzeugen.

Ein Lastwagen mit Hilfslieferungen trifft einDas bittere Fazit in Sri Lanka sieht folgendermaßen aus: Zwei Drittel der gesamten Küste Sri Lankas sind durch den Tsunami in Mitleidenschaft gezogen worden. Im Nordosten ist das Wasser bis zu drei Kilometer weit ins Land vorgedrungen. Mehr als 37.000 Menschen sind in den Fluten umgekommen. 15.000 Verletzte mussten ärztlich behandelt werden. Etwa 13 Prozent der oft einfachen Unterkünfte in der Nähe der Küsten sind fortgespült worden, 69.000 Häuser wurden komplett zerstört, 43.000 zum Teil schwer beschädigt. Die Zahl der Obdachlosen wird auf mehr als 500.000 geschätzt; jeder zwölfte Einwohner des Inselstaates braucht Unterstützung. Der Gesamtschaden wird auf mehr als eine Milliarde Dollar beziffert, das sind circa 5 Prozent des Bruttoinlandproduktes. Fast 20.000 Fischerboote sind zerstört worden, 14.000 Menschen haben ihren Arbeitsplatz im Tourismus verloren und somit keine Lebensgrundlage mehr. Nicht zu vergessen, die vielen Bauern, deren Ländereien von der Flut zerstört wurden und die auch in naher Zukunft durch Ernteausfälle stark beeinträchtigt sein werden. Viele Privatbetriebe in den betroffenen Gebieten stehen vor dem Aus.

Viele Organisationen sind zur Zeit damit beschäftigt den Fischern neue Boote zu besorgen und temporäre Hütten zu bauen, in welchen man wirklich nur vorrübergehend, wenn auch menschenunwürdig, hausen kann. Wir haben uns entschieden, auch weiterhin zu helfen und zwar um langfristig und nachhaltig Verbesserungen herbeizuführen. Wir werden natürlich den Bauern helfen mit Pflanzmaterial und Know How im Bio- und/oder Biodynamischen Anbau, ganz einfach, weil wir uns da auskennen und weil wir da Hilfe mit unserem Geschäft für alle Seiten symbiotisch verbinden können.

Die KinderWir können den Bauern mit Ihrer Hilfe einen Absatzmarkt für Ihre Produkte zu fairen Preisen garantieren, und wir bekommen auf der anderen Seite neue Resourcen von Rohstoffen. Wir werden uns auch Einzelschicksale herraussuchen und den Familien beim Bau eines Hauses mit Material und zusätzlichen Arbeitskräften unter die Arme greifen. Nur werden wir diese Aktionen hier im Land nicht an die grosse Glocke hängen, um eben keinen Neid bei anderen hervorzurufen. Wir werden nicht jedem helfen können, aber ich denke, wir können mit gutem Beispiel vorrangehen und versuchen Hilfe in andere Gebiete zu koordinieren.

Da ist mein Sohn sehr erfolgreich, bei dem ich mich hier auch bedanken möchte, dass er sich fünf Wochen von der Schule freistellen ließ, um in medizinischen Versorgungscamps zu helfen und auch um zu übersetzen. Er arbeitet jetzt mit der Washington Post zusammen mit dem "Award Winning" Dokumentarfilmer Travis Fox sowie mit Michael Dobbs, Weligma , - übrigens hier kann man permanente Updates über diverse Hilfsaktionen und Entwicklungen in Weligama erfahren.

Kleiner Junge mit WasserflascheAuch hier einmal ein Dankeschön an meine Frau, die in den ersten Wochen fast täglich und persönlich bei der Verteilung der Hilfsgütern - umringt von manchmal 200 Menschen - zugegen war, und Hut ab vor meiner Tochter, die im Dauereinsatz an Kinder Nahrung verteilt hat.
Gott sei Dank haben wir das alles gut verkraftet, aber wir wollen eine Veränderung und Verbesserung der jetzigen Situation so schnell wie möglich ins Leben rufen. Wir haben uns jetzt fest vorgenommen aufgrund der bekannten Fakten und Kenntnisse der Lage vor Ort, ein Modelldorf zu errichten. Wir finden es auch hervorragend, dass viele Organisationen und Privathelfer sich um die betroffenen Fischer kümmern. Darum haben wir uns entschlossen, um nicht mit anderen ins Gehege zu kommen, uns um diejenigen Familien zu kümmern, die keine Fischer sind. Das sind fast 30 Prozent der Betroffenen.

Projektvorschlag zum Wiederaufbau in Sri Lanka, Gebiet Weligama oder Umgebung

Die Problematik in den Tsunami zerstörten Gebieten in Sri Lanka besteht darin, dass zerstörte Häuser sowie Häuser - gebaut ohne Baugenehmigung - in den ersten 100 Metern vom Strand entfernt nicht mehr aufgebaut werden dürfen. Erst kürzlich hat es wieder hohe Wellen gegeben, und einige am Strand stehende temporäre Behausungen wurden in Mitleidenschaft gezogen Ebenfalls besteht eine traumatische Angst der Küstenbewohner vor neuen Zerstörungen. Viele Strandanwohner möchten deshalb nicht mehr in Strandnähe wohnen. Es ist daher dringlichst erforderlich neue Wohnräume zu schaffen, welche nicht in unmittelbarer Nähe vom Strand sein sollen.

Meines Erachtens ist in diesem Falle vornehmlich die Human Rights Charta der UN zu beachten, welche das Recht der Wahl der Wohnung garantiert. Jede Umsiedlung , die gegen dieses Recht verstößt, kann vor Gericht gebracht werden, in Sri Lanka oder sonstwo auf der Welt.
Die Betroffenenen haben also das Recht zu entscheiden, wo sie wohnen möchten, und es muss dabei berücksichtigt werden, dass sie nicht durch eine Verschlechterung des Wohnstandards zweimal bestraft werden. Sie sollten auf jeden Fall mindestens die gleiche, wenn nicht sogar eine verbesserte Wohnqualität erhalten. Um den Sinn meiner Idee Nachdruck zu verleihen, möchte ich hier kurz anführen, wie es nicht sein sollte:

Kochgeschirr für Sri Lanka Wir sollten unsere Lehren ziehen aus den bestehenden und nicht funktionierenden Konzepten der Vergangenheit. Wenn die Siedlungen zu primitiv errichtet werden, wird Spekulationen, Kredithaien, Slum Lords und Untervermietung Tür und Tor geöffnet. Kriminalität und Korruption zielt immer zum Nachteil von sozial Schwachen, und das sollten wir zu verhindern versuchen. Es ist wichtig Häuser nicht einfach total ohne Gegenleistung zu vergeben. Das Erwerben von Eigentum (oder Miete) sollte bestimmten Konditionen unterliegen, und es sollte erarbeitet werden, wobei man hier allerdings mit sehr großzügigen Bedingungen arbeiten sollte.

Häuser müssen auch in Zukunft instand gehalten werden, und daher ergibt sich der Gedanke einer Miete auf tiefem Niveau oder Arbeitsleistung als Gegenleistung für das Wohnen. Um dies zu vollziehen, müsste man größere Landflächen kaufen, um neue Siedlungen zu errichten, wobei die Regierung nun die Privatwirtschaft eben für diese Maßnahmen zu investieren eingeladen hat und den Investoren auch Land für solche Vorhaben zur Verfügung stellt.

Nicht alle am Strand lebenden Menschen sind Fischer, wie ich bereits erwähnte, und somit sind diese auch nicht unbedingt vom Meer abhängig. Mindestens 30 Prozent Familien haben mit Fischerei nichts zu tun. Sie gehörten eigentlich zur Mittelschicht und besaßen eigene Häuser mit kompletter Einrichtung. Durch den Tsunami haben auch sie alles verloren und müssen nun nochmals von vorne anfangen.
Man könnte zum Beispiel zur Umsiedlung doppelstöckige Reihenhäuser (Einfamilienhäuser) bauen mit kleiner Terrasse, Eingangsraum, Küche und Wohnzimmer im Erdgeschoss und Bad, WC und zwei bis drei Schlafräumen im Obergeschoss. Die Grundfläche bräuchte so pro Stockwerk 40-50 Quadratmeter, und es könnte in so einer Wohneinheit eine Familie mit 2-3 Generationen komfortabel untergebracht werden.

Ausgabe einer Hilfslieferung Man könnte zum Beispiel 10 Wohneinheiten in eine Reihe stellen und dann Abstand zu den anderen Reihen. Jedes Haus soll mit einem vernünftigen Zuwasser und Abwassersystem versehen werden, wobei das Abwasser zur Befeuchtung der Biomasse verwendet werden soll. Das Modelldorf sollte ein Minimum von 50 solchen Häusern und ein Maximum von 100 Häusern haben. Es sollten ein Kinderspielplatz, ausreichend Begrünung, Bänke für die Älteren und Ladengeschäfte, eine kleine medizinische Behandlungsstätte, sowie eine kleine buddhistische Gebetsstätte, was sehr wichtig ist hier in Sri Lanka, in diesem Konzept vorhanden sein.

Die elektrische Energie sollte zum Großteil über Biomasse erzeugt werden. Hiermit könnte man auch das Abfallproblem in den Griff bekommen - durch die Verwertung der Biomasse ( wenn nicht saubergehalten wird, läuft z.B. der Fernseher nicht). Energie, die nicht benötigt wird, könnte an das Elektrizitätswerk verkauft werden. Es sind mittlerweile schon Bestrebungen zu Gange, den Müll mit Traktoren einzusammeln und auf eine Müllkippe zu bringen. Man weiß allerdings nicht, was man mit dem Abfall machen soll und entsorgt ihn dann halt in der Botanik, was in Europa ein krasser Fall von Umweltverschmutzung sein würde.

Ich denke, dass man mit solch einer Anlage dieses Problem lösen könnte. Es gibt mehr als genug Müll, und wir haben im Gegensatz dazu keine ausreichende Energieversorgung. Wir haben in Sri Lanka immer noch sogenannte "Powercuts". Das sind Zeiten, in denen für mehrere Stunden bis hin zu mehreren Tagen keine Versorgung mit Strom stattfindet, weil die Wasserresourcen erschöpft sind und eben nicht mehr genug Strom erzeugt werden kann. Auch hier könnten wir durch dieses Konzept zusätzlichen Strom erzeugen und noch an das Elektrizitätswerk verkaufen und somit Einnahmen für das Dorf erzielen.

Gestrandete Boote - Die DLRG inspiziert die Küste Man könnte jedem der Familien eine Agrarfläche zur Bebauung zur Verfügung stellen (vorzugsweise Bioanbau über unsere Betreuung), beziehungsweise unsere Firma könnte die Bewohner beschäftigen. Somit könnten die Familien auch Einnahmen erzielen bzw. es würden Arbeitsplätze geschaffen werden. Ich sehe dies als Pilotprojekt, welches man bei Erfolg beliebig erweitern oder anderen Orts vervielfältigen kann.

Die Kriterien für die Auswahl der Bewohner werden mit den Ortsvorstehern abgestimm, nach einem mit den Vertretern der Regierung zu besprechenden Bewerbungsverfahren. Da dieses Modell wesentlich besser und lukrativer aussehen wird als herkömmliche Bebauungen, haben wir hier auch eine enorme Verbesserung der Wohnqualität vorliegen, und wir sind überzeugt, dass solch ein Konzept schnell Nachahmer findet und allgemein im Land die Verbesserung von Wohnbau initiiert.

Mit freundlichem Gruß
Thomas Gerbracht

Wie alles anfing, lesen Sie hier:
Sri Lanka nach dem Seebeben, Interview mit Heike Gerbracht
Sri Lanka, Teil 2: Das Protokoll nach der Flut, oder: Wie man ein Hilfsprojekt aus dem Boden stampft .

Etwas zu essen - ein Anfang Spenden - das deutsche Spendenkonto, das freundlicherweise die Gemeinde Friesenhofen zur Verfügung stellt. Die Spenden werden direkt nach Sri Lanka weitergeleitet, bitte vergessen Sie nicht Ihre Adresse, damit eine Spendenquittung ausgestellt werden kann.
Kirchengemeinde Friesenhofen, Pater Waldemar Wrobel
Kirchenpflege Friesenhofen, Spendenkonto: 17 404 596
Kreissparkasse Ravensburg, BLZ 650 501 10, Bitte Name + Adresse + Stichwort Sri Lanka Hilfe

Die Firmenwebseite mit Infos, weiteren Medien-Berichten, DLRG-Einsatzbericht und Radio-Interviews mit Heike und Thomas Gerbracht:
Target Agriculture - Sri Lanka nach dem Seebeben

Artikel in der "Washington Post": Entrepreneur, Angel of Mercy - German Expatriate Sets Work Aside to Aid Sri Lankan Victims

2005-03-12 von Angelika Petrich-Hornetz
Text: ©Thomas Gerbracht
Fotos: ©Heike Gerbracht

zurück zu: Themen  
wirtschaftswetter
Kontakt: info@wirtschaftswetter.de
© 2003-2007 Angelika Petrich-Hornetz Online-Zeitschrift Wirtschaftswetter