Teil 4: Durch den roten Sand von Australien
von Evelyn Freitag
Nach sechs Wochen Seereise auf der CONTSHIP LONDON kommen wir in Sydney an. Inzwischen ist Mitte Oktober, in Australien ist Frühling und im Norden des Kontinents beginnt bald die Regenzeit, in der man dort nicht mehr reisen kann. Erhard ist also mit seiner Planung ein hohes Risiko eingegangen. Jetzt heißt es Daumen drücken, damit wir noch ein Unternehmen finden, dass uns mit zur Cape-York-Halbinsel nimmt. Von der Spitze dieser Halbinsel kann man fast bis Papua-Neuguinea hinüber sehen. Und genau das ist Erhards Ziel. Wir konnten dieses Stück der Reise nicht von Deutschland aus buchen, denn bei einem Frachtschiff weiß man nie genau im voraus, an welchem Tag man ankommen wird. Und dann beginnt unsere Herausforderung in der Wildnis.
Auszug aus dem Buch, "Frachtschiffreisen nach Australien - zwischen Containern um die Welt":
Cooktown bis Kalpowar Crossing
Auf staubigen und holprigen Tracks verlassen wir Cooktown. Das Thermometer zeigt inzwischen über 40 Grad Celsius. Wir meinen zu schmelzen. Die Hitze ist an den bloßen Beinen kaum auszuhalten. Unterwegs erfrischen wir uns an einem kleinen Wasserloch, an dem sich auch zwei graue Kraniche, einige weiße und schwarze Ibisse und ein rotes Känguru tummeln. Ein paar äußerst magere Rinder begegnen uns mitten im Busch. In der Regenzeit gehen oftmals kurzfristig gewaltige Regenfälle nieder, die am Rande unseres Weges sehr tiefe Furchen hinterlassen haben. Den Mittagsstopp machen wir an einer entlegenen Landebahn für Flugzeuge. Gestern waren hier 43,7 Grad, heute ist es mehr, hören wir. Tierisch! Wir träumen von einem frisch gezapften, kühlen Bier.
Am Nachmittag halten wir beim Split Rock, der durch Wandmalereien von Aborigines berühmt wurde. Der Aufstieg zu den Höhlen dauert eine Stunde. Ohne Wasser und Sonnenhut ist das Selbstmord. Zusammen mit zwei anderen Mitreisenden bleiben wir unten beim Parkplatz. Schatten gibt es nirgendwo. Etwas entfernt finden wir ein Gebäude mit einem leicht überstehenden Dach. Darunter setzen wir uns auf den Boden und dösen vor uns hin, trinken ab und zu einen Schluck Wasser – bedächtig eingeteilt. Es ist mucksmäuschenstill. Man hört absolut nichts. Was sollte man hier auch hören, am Ende der Welt? So kauern wir auf dem harten Beton, schlaftrunken, halbbenommen von der Hitze und schauen den wenigen Ameisen zu, die auf dem Beton herumlaufen. Wir versinken tief in unseren Gedanken, bis irgendwann unsere Gruppe zurückkommt und wir wieder in den nun glühend heißen Bus einsteigen.
Auf der Sandpiste holpern wir zu der alten Viehzuchtfarm Old Laura Station, die 1879, fernab von der nächsten Siedlung, von einem irischen Einwanderer gegründet wurde. Lange Zeit des Jahres war man hier wegen der alljährlichen Überschwemmungen total von der Außenwelt abgeschnitten. Nur jedes halbe Jahr trat man einen beschwerlichen Ritt in die nächste Ortschaft an, um sich mit den nötigsten Lebensmitteln zu versorgen. Die „Behausungen“ bestehen hier nur aus auf Stelzen stehenden Dächern. Zerstampfte Termitenbauten bilden den Fußboden. Bis 1966 war die Station bewirtschaftet; jetzt ist sie verlassen.
Wir stapfen durch die leeren Bauten und durch das verdorrte Gelände. Joe hat weit hinten etwas Besonderes entdeckt: die Liebeslaube des Bower-Birds, des Laubenvogels. Das ist ein wirklich absonderlicher Vogel, denn er baut, um den Weibchen zu imponieren, eine Liebeslaube, die bis zu 2,75 Meter hoch sein kann. Die Laube hat er aus Unmengen von Schlingpflanzenzweigen kunstvoll zusammengeflochten und hübsch dekoriert: An einer Stelle liegt ein strahlend weißer Stein, an einer anderen eine rot leuchtende Frucht. Joe erzählt noch von einem anderen Vogel, der sich Stöckchen von verschiedener Länge sucht, damit gegen die Stämme von Bäumen klopft und so eine immer anders geartete „Musik“ erzeugt. Was sich Tiere alles einfallen lassen! Erhard flüstert mir ins Ohr: „Soll ich so etwas auch mal machen, um dir zu imponieren?“
Joe kennt sich wirklich gut mit Fauna und Flora aus und kann auch noch die letzte Abart der vielen Eukalyptusbäume erklären. Die roten Früchte, die der Bower-Bird zur Dekoration verwendete, sind äußerst giftig. Aboriginesfrauen haben sie zur Abtreibung benutzt, durften sie aber nur nehmen, wenn sie im Wasser nicht untergingen. Sonst wären sie so stark, dass außer dem Baby auch die Mutter sterben würde.
Der nächste Creek enthält immerhin so viel Wasser, dass wir ein Krokodil beobachten können. Joe zeigt uns hier, wie die grünen Ameisen ihre Nester in den Bäumen bauen. Sie verbinden einfach mehrere Blätter miteinander und formen daraus so etwas Ähnliches wie ein Netz. „Diese Ameisen sind köstlich“, sagt er, nimmt eine vorsichtig zwischen zwei Finger und leckt deren Hinterteil ab. „Hmmm, lecker!“ Der angeblich angenehm scharfe, erfrischende und an Zitrone erinnernde Geschmack gefällt ihm sehr. Tony probiert auch. Wir anderen drehen uns verlegen zur Seite.
Die Wege sind schrecklich staubig und holperig. Wir werden furchtbar durchgerüttelt, sozusagen „gehirngeschüttelt“. Endlich macht sich Joe auf den Weg zum nächsten Campground Kalpowar Crossing und erzählt uns ein paar Kilometer vorher, was uns dort erwartet. Ich dachte, seine Schilderung sei ein Scherz gewesen, aber es stimmt tatsächlich: In der Dusche und im WC sind unzählige Frösche, kleine, große, riesengroße, die uns mit ihren glubschigen Augen erstaunt ansehen. Ich hasse Camping! Jette, meine einzige weibliche Gefährtin auf dieser Reise, erschreckt sich genauso wie ich, als die Tiere plötzlich beginnen herumzuhüpfen. Sie versucht, die Frösche zu verscheuchen und ihr Freund hilft dabei. Dann will sie die Toilette benutzen, aber unter dem Spülrand lugt noch ein zuckender, grüner Froschschenkel hervor! Erhard hat gesagt, wenn ich diese Nacht heil überlebe, dann bekomme ich von ihm einen Campingorden. Ehrlich gesagt, ein Hotelzimmer wäre mir lieber!
Von Kalpowar Crossing nach Moreton Telegraph Station
Morgens sind die Frösche im Waschraum verschwunden, dafür lässt eine Spinne ihre langen behaarten Beine unter der halbblinden Spiegelscherbe heraushängen. Jette erzählt mir, dass sie gestern Nacht noch einmal zur Toilette gegangen sei, nachdem sie sorgfältig alle Frösche beobachtet hatte und sichergestellt hatte, dass wenigstens keiner unter dem Spülrand säße. Als sie sich jedoch eben niedergelassen hatte, sah sie, wie eine Schlange interessiert ihren Kopf aus dem Gullyloch herauswand und eine weitere neugierig um die Ecke des Eingangs lugte. Schreiend und halb angezogen verließ sie die Räumlichkeiten.
Joe kümmert sich um alles: Morgens hat er schon das Feuer für unser Kaffeewasser entfacht, bevor wir aus dem Zelt kriechen. Er sorgt für alle Mahlzeiten und bereitet sie zu. Zelte und Gepäckstücke verstaut er auf dem Fahrzeugdach. Tisch, Stühle, Wasser, Nahrungsmittel, Werkzeuge, Heringe für die Zelte etc. verschwinden im Trailer. Er fährt uns stundenlang mit großer Begeisterung über die staubigsten Pfade, von denen ein großer Teil nur im Allradantrieb zu bewältigen ist. Je schlimmer die Wege aussehen, desto wohler scheint er sich zu fühlen.
An diesem Morgen ist der erste Stopp an einem Billabong, einem Wasserloch, mit weißen Wasserlilien. Dort beobachten wir Löffelvögel, Ibisse, Störche und ein schwarzes Wildschwein. Die Naturliebhaber sind begeistert und packen mehr und mehr Foto-Zubehör aus.
Der nächste Halt ist beim Billabong mit den roten Wasserlilien. Dort parkt neben uns ein Ranger von einer Umweltbehörde. Er schnallt sich einen Rucksack um, aus dem eine runde Satellitenantenne herausschaut und hängt sich einen Laptop vor die Brust. So ausstaffiert sieht er in dieser Umgebung wie ein Marsmensch aus.
Mittagspause ist in Musgrave, einer im Jahre 1887 errichteten Telegrafenstation, die bis 1928 hier ihren Zweck erfüllte. Es gibt eine kleine Landebahn für Flugzeuge, eine Tankstelle und eine Kneipe. Die Sonne brennt erbarmungslos auf uns herab. Zwei Rinder, zu Skeletten abgemagert, suchen neben den Zapfsäulen nach dem letzten grünen Hälmchen Gras. Ein Lastwagen mit mehreren Anhängern steht am Ende des Airstrips. In der Kneipe sitzen der LKW-Fahrer sowie zwei, drei andere Personen, die sich hierher verirrt haben. Wie kann man in solch einer Umgebung nur leben? Hier ist nichts, absolut nichts. Nur der heiße Wind bläst den roten Staub der Erde durch die flirrende Luft. 600 Milliliter Powerade, ein energiespendendes Sportgetränk, sind in einem Zug im Hals verschwunden.
Im Inneren unseres Busses sieht es inzwischen ebenso aus wie in der Landschaft um uns herum: roter, gelber und grauer Sand zittert auf dem vibrierenden Bodenblech. Eine verirrte grüne Ameise krabbelt durch den Staub, vorbei an schwarzen Füßen, verschwitzten dunklen Socken und graubraunen Stiefeln. Hoffentlich entdeckt Joe sie nicht!
Die Fahrwege haben tiefe Furchen, entweder im losen Sand, durch den wir schlingern, oder in der festeren Erde. Die Creeks sind zu 99 Prozent ausgetrocknet und zeigen ausgewaschenen Sandstein. Joe kurvt ohne Rücksicht auf „Mann und Material“ mit einem Tempo zwischen 60 und 90 km/h rüttelnd und schüttelnd hindurch, donnert über die Corrogation Roads, die wie Wellbleche aussehen, schleudert durch die Sandpools oder ackert uns krachend über Steine hinweg. Das Geschaukel macht uns ganz taumelig und bald schlafen alle im Bus ein; außer Joe, der unablässig durch sein Mikrofon Vögel beschreibt und Bäume erklärt.
Nachmittags um vier machen wir in der alten Goldgräberstadt Coen halt und wanken halbtot die zehn Schritte vom Bus zur Bar, lassen uns erschöpft auf die Bänke vor dem Haus fallen und trinken eiskaltes Bier. Sieben Stunden hartes Gerüttel liegen hinter uns, drei noch vor uns. Wir sind alle völlig erledigt, auch die grüne Ameise lässt sich nicht mehr blicken, wahrscheinlich ist sie an Gehirnerschütterung gestorben. Nur Joe scheint topfit zu sein und kauft nebenan im Laden neue Nahrungsvorräte.
An der Bar hängen ein paar Aborigines herum und verfolgen das Werbefernsehen. Was soll man hier auch sonst machen? Telefon und TV gibt es seit 1992.
Erhard hat seinen Kühlkragen um die Stirn gebunden, meiner hängt mir um den Nacken. Diese Hitze ist unglaublich! Und wenn es hier nicht mehr heiß ist, dann beginnt die Regenzeit und es regnet derartig stark, dass alles, alles zu einer Sumpflandschaft mit reißenden Flüssen wird.
Von Moreton Telegraph Station bis zu den Elliots Falls
Die dritte Nacht ist überstanden und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass endlich die achte und letzte Nacht unserer Campingtour hinter mir liegen möge. Gestern abend kommen wir erst nach Einbruch der Dunkelheit im Camp Moreton Telegraph Station an. Im Dunkeln suchen wir uns mit der Taschenlampe einen Platz und bauen das Zelt unter Aufbringung der wirklich allerletzten Kraftreserven auf. Total dreckig und verschwitzt sehnen wir uns nach dem Zeltaufbau nach einem Duschbad. Das Klohäuschen ist eine Ewigkeit entfernt und natürlich ohne Wasserspülung. Und die Dusche: Es wundert mich, dass das Haus noch steht, denn die Holzbalken sind unten bis auf einen dünnen Kern weggerottet, die Sperrholztür war früher einmal 20 cm länger; auch sie ist ein Opfer des Klimas und der Tiere geworden. Aus dem Duschkopf tröpfelt nur kaltes Wasser. Mutig blicke ich zum Gully, dieses Mal zeigt sich keine Schlange. Das kalte Wasser ist angenehm erfrischend, denn in diesem Klima haben wir bereits seit Sonnenaufgang Schweißtropfen auf der Stirn, während zu Hause kühles Herbstwetter herrscht und die Blätter von den Bäumen fallen. Ich stelle fest, dass ich mein angenehm duftendes Duschgel – welch ein Luxus in all diesem Dreck – wohl im letzten Camp bei den Fröschen vergessen habe, als auch ich fluchtartig das Weite suchte. Mein letzter Rest von Luxus: Weg ist er!
Nach den gestrigen zehn Stunden Rüttelsieb oder Achterbahnfahren wie auf Kopfsteinpflaster mit massiven Schlaglöchern, schlafe ich wie ein Stein, bis Erhard mich weckt und fragt, ob ich auch zur Toilette will. Es ist stockfinster und die Taschenlampe zeigt nur den kleinen Kreis vor uns. Aber was ist hinter und neben uns? Es raschelt, dann ein Knacken. „Nein, Erhard, da gehe ich nicht hin!“ Ich zerre entschieden und verängstigt an seiner Hand. Wir versuchen, die Umgebung wahrzunehmen und bleiben einfach, wo wir sind. Ich bin heilfroh, als wir zurück im Zelt sind und den Reißverschluss wieder zugezogen haben.
Am Morgen habe ich einen wirklichen Tiefpunkt. Eines steht fest: nie wieder Camping! Erhard ist zu niedlich. Er versucht mich zu trösten, bringt mir Kaffee und reicht mir das rote Plastikschüsselchen, aus dem ich schulterzuckend den Sand wische und in das ich dann ein paar Cornflakes hineinschütte. Aber all das wird nicht helfen: Wenn er noch einmal Camping machen will, dann ohne mich!
Joe verstaut unser Gepäck auf dem Wagendach. Plötzlich springt er aufgeregt herunter. Mit dem Fernglas in der Hand und mit suchenden Augen stürmt er los und zeigt uns eine Minute später einen großen Vogel, einen wunderschönen schwarzen Palmkakadu mit langen Hauben- und roten Wangenfedern. Alle sind begeistert!
Während Joe noch die letzten Dinge verstaut, gehen wir den weiterführenden Weg entlang. Er sagt uns, dass wir am Fluss auf das Schild achten sollen. Der „Fluss“ entpuppt sich als ein schmales Rinnsal und das Schild müssen wir längere Zeit suchen. Schließlich finden wir es in einer Höhe von 14,6 Metern an einem Baum. Darauf steht: „Wir waren hier, in einem Boot. 14. März 2003. Ando Warewolf-Tubby“. Der jetzt fast ausgetrocknete Wenlock-River ist hier also während der Regenzeit auf 14,6 m gestiegen! Die meisten der um uns herum stehenden Bäume müssen im Wasser versunken gewesen sein. Und die hier lebenden Menschen? Wo waren die geblieben? Ein Wahnsinnsland!
Aus dem Wald steigt noch Rauch empor. Buschfeuer hatten in der Nacht in unmittelbarer Nähe unseres Zeltplatzes gebrannt! Aus den Baumstämmen quellen die weißlichen Rauchfäden, vereinzelt züngeln noch kleine Flammen an der Rinde. Gut, dass ich davon nachts nichts bemerkt habe!
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Weitere Informationen: Frachtschiffreisen, Checkliste, Autorin und Bücher: Frachtschiffreisebuch-Seite von Evelyn Freitag
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2005-11-14 by Evelyn Freitag
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Text: © Evelyn Freitag
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