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Die Wunderwelt der Genetik
von Angelika Petrich-Hornetz
"Wir müssen die Kinder aus den Milieus holen und verhindern, dass sie dort Klone ihrer Eltern werden."
Heinz Buschkowsky
"Intelligenz wird vererbt, und es ist fraglich, ob es sinnvoll ist, noch mehr Geld in die Bildung von Unterschichtskindern zu stecken."
Thilo Sarrazin
Die Gesetze der Genetik sind für Laien undurchschaubar. So viel Einsicht muss sein. Selbst eingeweihte Fachkreise habe ihre liebe Mühe, etwas davon auch nur halbwegs allgemeinverständlich erklären zu können, um nicht zu sagen, sie geben es in vielen Fällen sogar auf, zumal die Vererbung auch noch eine der größten Wissens-Baustellen der Gegenwart ist.
Nicht so bei Buschkowsky und Sarrazin, zwei mittlerweile durch sämtliche deutsche Medien bekannt gewordene Sozialdemokraten sowie Kinder- und Bildungsexperten, der eine Bürgermeister, der andere Bundesbanker. Intelligenz sei erblich meinte der Bundes(bank)philosoph jüngst in einem Zeitungsinterview geradezu wild entschlossen. Ist das nicht einfach herrlich?
Niemand ist also schuldig, wenn eltliche Kinder, derzeit vorwiegende männliche, durch den Bildungsrost fallen. Schlichte Vererbung. Toll. Warum sind wir denn nur nicht gleich darauf gekommen? So etwas versteht doch auch wenigstens jeder. Und es ist ja auch leicht zu erklären: Schlaue Eltern, schlaue Kinder, so einfach ist das. Und die anderen? Niemand hat sie dazu gezwungen, sich ausgerechnet bildungsferne Eltern auszusuchen. Chancengleichheit? Völlig zwecklos.
Damit waren also die Mühen der Vergangenheit, etwa besseren Unterricht, andere Bücher oder gar neue Schul- und Unterrichtsformen anzubieten, vollkommen sinnlos? Natürlich. Wie heißt es doch so schön: Leistungsstarke Kinder setzten sich überall durch. Das müsste dann also auch für diejenigen unter ihnen gelten, die auf dem größten Misthaufen aufwachsen. Und dann gehören sie automatisch zur Oberschicht, denn die besteht nach Thilo Sarrazin auschließlich aus Intelligenzbestien.
Nur passt das leider nicht so ganz ins Bild der Bildungswirklichkeit, mit der sich die echten Bildungsexperten herumärgern müssen: Die Oberschicht ist demnach genauso wenig durchgehend intelligent wie die Unterschicht durchgehend dusselig. Dagegen scheitern vor allem Kinder reicher Eltern weniger häufig als Kinder aus armen Familien im deutschen Bildungssystem, wiederholt die OECD wie eine alte Schallplatte jedes Jahr aufs Neue. Bewiesen ist bisher lediglich, dass finanzieller Reichtum erblich ist, nicht aber Intelligenz - und dass Ersterer bedauerlicherweise immer noch mehr mit dem Bildungserfolg zusammenhängt als Letzere. Schön wärs, wenns anders wäre, und Intelligenz direkt vererbbar wäre - dürften sich so manche Eltern bei der Lektüre der Hobbygenetiker Sarrazin und Buschkowsky schon längst überlegt haben. Denn in dem Fall hätte ja die Tochter der intelligenten türkischen Putzfrau mindestens ähnlich gute Chancen im herrschenden Bildungssystem wie der etwas zurückgebliebene Sohn des Professors. Nicht nur die OECD misst etwas ganz anderes.
Buschkowsky, der Bürgermeister von Neu-Kölln hat indes noch einen Funken Rest-Hoffnung für die auch von der Sozialdemokratie wenig geliebten, schon gar nicht vertretenen Klone ihrer Eltern, auch Kinder genannt, übrig. Man müsste diese Exemplare da nur stundenweise herausholen, also möglichst lange pro Tag aus jenen bierseligen Haushalten entfernen, so seine forsche These, die einen kontraproduktiven Einfluss auf den Bildungserfolg ihres Nachwuchses ausübten. Das impliziert tatsächlich sogar noch einen gewissen Einfluss der Umgebung auf die Intelligenzentwicklung eines jugendlichen Individuums. Immerhin! Dagegen dürften nach der Sarrazinschen Intelligenz-Methode jegliche Versuche positiver Einflussnahme durch die Umgebung vollkommen überflüssig sein, wenn diese nicht - gemäß der reinen Vererbungslehre - auf an sich schon kluge Köpfe und damit auf gutes Erbmaterial träfen.
Man muss sich dennoch wundern, dass Buschkowsky mit der Idee seines Parteifreundes Sarrazin so gar nicht einverstanden ist, behaupten sie doch beide fast dasselbe. Der eine will noch marginal verhindern, dass Kinder Klone ihrer Eltern werden, der andere meint, sie sind es längst, von Geburt an, Änderungen oder eine Entwicklung zum Besseren ausgeschlossen. Alles vererbt! Ganz einfach! Hurrah, wir brauchen uns um nichts mehr kümmern, So ist jeder zufrieden - außer vielleicht die Anderen. Die Intelligenten sind glücklich, deren Eltern sinds, vor allem in dem gutem Wissen, ihre Denkfähigkeit direkt vererbt zu haben. Und auch die Kinder dieser Kinder dürften sehr zufrieden sein, können sie doch darauf hoffen, dass ihnen alles in die Wiege gelegt wurde. Und das Beste: Eine bislang vorwiegend in Euro definierte Oberschicht kann sich endlich einbilden, intelligenter als andere zu sein.
Schade oder bessser gut, dass es doch viel komplizierter ist, oder auch viel einfacher. Der Volksmund meint dazu nur lapidar, dass es sich bei der Hirnentwicklung um eine schlichte Fifty-Fifty-Angelegenheit handele: so rund fünfzig Prozent Einfluss der Umwelt und ungefähre fünfzig Prozent Vererbung. Damit dürften Sarrazins und Buschkowskys Theorien bereits mindestens je zur Hälfte wackeln. Der eine müsste einen Einfluss hinnehmen, womöglich sogar zu einem Teil den des Geldes. Pfui. Der andere hätte Probleme damit, jedes Erbgut in einen wie auch immer gewünschten, frühkindlichen Bildungsstandard einzupassen.
Die Intelligenz jedoch ziert sich, so einfach entdeckt, erklärt, vererbt und wirtschaftlich nutzbar gemacht zu werden - sonst wär's ja denkbar einfach! Das Gehirn lernt dauernd, sogar in bildungsfernen Schichten. Es sammelt Informationen, Daten, ruft diese ab oder speichert sie im Nirgendwo, es passt sich an, baut sich um und verändert ständig etwas. Es kann auch abstumpfen. Alle Eindrücke bleiben irgendwo hängen. Das erscheint zunächst harmlos. Doch was wäre, wenn das Hängengebliebene - erworbene und erlernte Fähigkeiten - von einer Generation auf die nächste genauso redlich und unbedarft weitervererbt würde wie Opas hübsches Grübchen am Kinn? Hinweise darauf sind zumindest gegenwärtig allerdings noch zu mager, wenn überhaupt vorhanden. Das Erbgut rückt seine interessantesten Geheimnisse nicht so leicht heraus.
Der so genannte Lamarckismus (die Theorie Jean-Baptiste de Lamarcks, dass Erlerntes vererbt wird) würde zunächst Heinz Buschkowsky zuspielen: Erlebten dumme Klone ihrer Unterschichts-Eltern die lichte Bildungswelt eines Ganztagskindergartens als angenehm, könnte sich diese Erfahrung möglicherweise (epigenetisch) eher festsetzen als die wenigen Stunden des Tages in einem Haushalt ohne Bücher - und anschließend weitervererbt werden, um, zum Beispiel, in der nächsten Generation begnadete Erzieher zu ergeben. Gibt man dieselben Kinder jedoch, nach Sarrazins Intelligenz-Vererbungslehre von vorne herein gleich auf (rausgeschmissenes Geld), oder sind diese Klone ihrer Eltern gar so renitent wie Thomas Mann, der sitzenblieb und das Gymnasium ohne Abitur verließ, wäre nach dem Lamarckismus und dem heutigen Stand der epgigentischen Forschung die nächste Generation der Schulversagerei (mindestens für ein paar Monate) vorprogrammiert.
Und es gäbe noch mehr Nachteile. Wenn auch das vererblich werden könnte, was die Buschkowskys und Sarrazins der Gegenwart in allen Medien von sich geben - und dies dann sozuzagen als Alt-Erblast durch das Leben junger Medienkonsumenten geisterte, damit deren Erbgut beeinflusste und dieses auch noch weitervererbt würde, so dass die nächste Generation gar nicht mehr lesen muss, was die Herren so alles sagen, sondern es gleich intus hätten, was dann?. Schrecklich!
Gut, dass die Vererbung so kompliziert ist und noch nicht alles preisgegeben hat. Denn der schlimmste Fall wäre, wenn sich Sarrazin und Buschkowsky klonen ließen, in der falschen Annahme sie seien die einzig wahren Lebensformen. Wo bliebe denn da die Diversität, wenn es nur noch Bundesbanker oder Bürgermeister gäbe?
Andererseits: Vielleicht haben die Jüngeren es eines Tages einfach satt, immer wieder dieselben alten Kamellen zu hören,so dass sie jenes für die Evolution übeflüssige Gerede in ihren Genen per Methylisierung, Hormoneinfluss oder anderswie einfach abstellen - und das wird dann praktischerweise auch gleich weiter vererbt. Ja, intelligentes Leben ist unberechenbar, das Ende offen und die Wunderwelt der Genetik birgt fantastische Schätze, die erst noch gehoben werden wollen.
2010-03-28 Angelika Petrich-Hornetz
Text: © Angelika Petrich-Hornetz
Illustrationen: ©aph
Fotos Themenbanner: ©Cornelia Schaible
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