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Heiße Phase

Bald schließt sich das Zeitfenster für notwendige Reformen. Der aktuelle Stand gibt wenig Anlass zur Freude

von Angelika Petrich-Hornetz

Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich in den Wechseljahren. Die Geschwindigkeit der demografischen Entwicklung zieht an, verscheucht Kinder und junge Fachkräfte. Wohl fühlen sich im konjunkturellen Altweibersommer nur wenige – und ahnen noch nichts von (ihrem) Verfall.

Drachenlenkerin, was nun?In Deutschland setzt die heiße Phase der Alterung ein. Während die Bundesregierung nach langen und peinlichen Streiterein ein bisschen mehr Geld für die Kleinsten ausgeben will, was keine besonders großartige Leistung ist, haben die meisten Länder und Kommunen immer noch keinen Plan, wie sie gezielt der eigenen demografischen Entwicklung genügen sollen. Die bisherigen Reaktionen wirken wie ebendiese - eher passiv und hilflos.

Dabei stellte man auf Bundes-, Landes- und sogar auf Regionalebene fest, Deutschland müsse kinder- und familienfreundlicher werden. In der Praxis, vor Ort werden dennoch in den nächsten Jahren – darunter gerade errichtete oder ausgebaute - Spielplätze, Schulen und Kindergärten geschlossen - und eine Menge Geld gespart.

Die Minimal-Einigung der Regierungskoalition auf eine Anhebung des Beitragssatzes zur Pflegeversicherung werde die Pflege bis 2014 stabilisieren und ausbauen, sagt die große Regierungspolitik. Unangenehm ist dabei nur, dass es genau ab dann so richtig interessant wird , wie es weitergehen soll mit unseren in die Jahre gekommen Sozialsystemen und dass man spätestens 2007 die richtigen Entscheidungen hätte treffen müssen: In rund fünf Jahren, etwa ab 2012, so die Statistik, werden sich Schulen und Universitäten massiv leeren. Danach leeren sich die Ränge der Erwerbstätigen und Einzahler. Und das ist längst nicht alles.

Die neuen Bundesländer haben weitestgehend genug Krippen, gleichwohl wandern die jungen Frauen ab - nur ein weiteres Symptom der neuen Alterungs-Eigendynamik - doch angeblich weiß keiner warum. In einem Spiegel-Interview beschied im Juni der Ökonom und Nobelpreisträger Gary Becker, dass die Krippenoffensive der Bundesfamilienministerin die Geburtenrate um etwa 0,05 steigern könnte. Wenn jede Entscheidung für ein Programm, das 0,05 Kinder pro Frau mehr einbringt, so lange dauert, dann sind die Deutschen in ein paar wenigen Generationen weg. So einfach ist das. Dabei verschwinden sie auch jetzt schon in Scharen, zum Beispiel durch Auswandern.

Ältere DamenDie meisten Ideen - Ausnahmen bestätigen die Regel - aus den älter werdenden Kommunen zur Demografie lassen wenig Hoffnung auf einen großen Wurf: Da ist zum Beispiel von Mehrgenerationenhäusern, altengerechtem Wohnen sowie einer seniorenfreundlichen Infrastruktur die Rede, als müsste man die Alterung einer ganzen Gesellschaft nur architektionisch gestalten oder könnte diese am Reißbrett wegbauen. In der Pflegeversicherung werden jetzt Demenzkranke wenigstens erwähnt. Und das Ehrenamt soll aufgewertet werden. Doch niemand weiß eine Antwort auf die Frage, wer ab 2012 für ein Ehrenamt noch Zeit haben wird, wenn sämtliche, noch vorhandenen Erwerbsfähigen arbeiten werden müssen. Und das ist längst nicht alles.

Der Alterung der Gesellschaft setzte bereits vor Jahrzehnten schleichend ein und zeigt im Jahr 2007 die ersten Merkmale einer sich selbst beschleunigenden Eigendynamik: Der Altersdurchschnitt und der Altersquotient klettern in flottem Tempo. Wanderbewegungen ändern sich: die Zahl der Abwanderungen steigt, die der Zuwanderung stagniert, sinkt oder ist kaum der Rede wert. Der Konsum stagniert, der Automarkt bricht ein, nur noch 6 Prozent der ZDF und 7 Prozent der ARD-Zuschauer sind unter 50 Jahre alt. Demnächst soll ein Trauersender an den Start gehen und das älter werdende TV-Publikum beglücken. Die Klagen an den Gerichten wegen Kinderlärm häufen sich. Viele dieser Symptome, wie der vor sich hin dümpelnder Privatkonsum, wurden und werden schlicht verdrängt, zum Beispiel angesichts der sogenannten Vorzieheffekte Ende 2006, und aus Freude über eine brummende Welt-Konjunktur einfach vergessen oder übersehen. Übersehen wurde auch ein durchschnittlich um -0,9 Prozent gesunkenes Realeinkommen, das gerade die Viel- und Großkonsumenten des Einzelhandels, Familien mit Kindern, trifft, sowie die sinkende Sparquote der ab 50-Jährigen. Diese sind gegenwärtig in der Tat etwas ausgabefreudiger und - groß an der Zahl. Es sind die Babyboomer, die gegenwärtig noch erwerbstätig sind und den Wirtschaftsmotor am Laufen halten. Und was kommt nach ihnen? Die Entscheidungsträger landauf, landab verdrängten und verdrängen auch heute noch sorgfältig in Bausch und Bogen: das eigentliche Problem, die Folgen und deren Geschwindigkeit. Beherzte Maßnahmen, um gegenzusteuern? Fehlanzeige.

Vor einem Fachkräftemangel wird schon seit Ewigkeiten gewarnt, der das Wirtschaftswachstum unsanft ausbremsen könnte. Der Mangel ist längst da. Trotzdem schiebt die Altenrepublik Deutschland der eigenen Heranbildung junger Fachkräfte als auch der Einwanderung dieser gleich mehrere Riegel vor: Von einer preiswerten Kinderbetreuung sowie einer kostenlosen schulischen und universitären Ausbildung hat sich die Bundesrepublik Deutschland – in Ost wie West - genauso schleichend verabschiedet, wie sie schleichend alterte. Nach amerikanischem Vorbild wollte man Studiengebühren gestalten und ausbauen. Dabei sind - abgesehen von den immensen Verschuldungs-Problemen, die Studiengebühren dort verursachen - die USA wenigstens ein Einwandererland, Deutschland ist es nicht. Diese und andere Fehl-Entscheidungen wären nur dann angebracht gewesen, wenn ein Land eine Geburtenrate von 2,0 und ein paar Millionen Jungakademiker und Facharbeiter vor der Tür stehen hat, die unbedingt herein wollten. Beides ist nicht der Fall. Und das ist längst nicht alles.

Für eine neu Eigendynamik innerhalb der demografischen Entwicklung finden sich deshalb auch Anzeichen auf dem internationalen Arbeitsmarkt. Während deutsche, wechselwillige Bewerber noch vor wenigen Jahren grundsätzlich englischsprachige Profile in die einschlägigen Stellenbörsen einstellen mussten, wenn Sie in den USA, in Australien oder anderen englischsprachigen Ländern arbeiten wollten, reicht heute manchmal schon ein deutschsprachiges: Bereits ausgewanderte Deutsche werben ihre neuen Mitarbeiter und Kollegen direkt aus Deutschland ab, Erkennungszeichen: die Mutter-Sprache. Wer kein Englisch kann, geht nach Österreich oder in die Schweiz. Exportweltmeister in Sachen Arbeitsplätze? Darunter verstand man bis vor kurzem noch etwas ganz anderes.

Fahrraf-FahrenAlternde Kommunen und ihre Bundesländer kommen – außer wenige Ausnahmen - derweil auf ihrer Meinung nach naheliegende Ideen zur Lösung des demografischen Problems. Sinkende Kinderzahlen bedeuten in den Köpfen von Kommunalpolitikern vor allem eines: sinkende Ausgaben. Also werden Kinderspielplätze, Kindergärten und Schulen abgewickelt. Die Bundesrepublik Deutschland erlebt nach 1989 ihre zweite strukturelle Abwicklung und ihre zweite Wende, die Wende zur Altenrepublik. Das hält sie von der kommunalen bis zur Bundes-Ebene keineswegs davon ab, noch weiter bei den immer weniger werdenden Familien mit Kindern zu sparen. Zwei Millionen Kinder unterhalb der Armutsgrenze leistet man sich, obwohl die Zeiten, in denen man sich diese hätte leisten konnte, seit zehn oder zwanzig Jahren vorbei sind: verschlafen von mindestens drei Regierungen, inklusive der gegenwärtigen. Wie beruhigend ist es da zu erfahren, dass wir glücklicherweise nicht die einzigen sind. Ganz Europa altere ja, so vergessen deutsche Politiker nicht zu betonen. Ob die Probleme damit schöner oder schlimmer werden, sagen sie nicht.

Es lohnt sich für den interessierten Bürger, einen Blick in die Pläne der demografischen Wandlung ihrer Kreise, Städte und Gemeinden zu riskieren. In fast allen steht, wie groß die Bedeutung von Erwerbstätigkeit und von Familien mit Kindern sei, soweit die Theorie. Und dann werden in der Praxis weiter Kinderspielplätze abgeschafft, Regelkindergärten zu ungeregelten Tagespflegegruppen verkleinert oder geschlossen, Schulhöfe am Nachmittag gesperrt, Gelder für Schulbeförderung und Jugendtreffs gestrichen, Elternbeiträge und Sportplatznutzungsgebühren erhöht, der Schulbusverkehr eingeschränkt - bis schließlich das Schwimmbad, die Bücherei, das Krankenhaus und der Bahnhof stillgelegt werden. Die Abwicklung von Kommunen beginnt grundsätzlich bei den Kindern und endet irgendwann automatisch bei allen anderen.

Die versteckten Details dieser Abwärtsspirale, machen bei allem Verständnis für die Sorgen und Nöte der kommunalen Vertreter deutlich: Bislang vorhandene und geplante kindgerechte Infrastrukturen werden - allen vollmundigen öffentlichen Beteuerungen zum Trotz - immer noch abgebaut und eingespart: Das eingesparte Geld wird angeblich für den Aufbau von altersgerechter Infrastruktur dringend benötigt, und da Familien mit Kindern zahlenmäßig an den Rand der Peripherie rücken, sorgt die Mehrheitsgesellschaft für eine Verschiebung der Mittel zugunsten der alternden Mehrheit. Soweit die Argumentation - trotz der solche angeblich gut geplanten Sparprogramme regelmäßig schiefgehen, und mit ihnen ganze Ortschaften verschwinden. Dennoch werden sie weiter verfolgt. Und das ist längst nicht alles.

So warnte kürzlich der Geschäftsführer eines Regionalverbands des Deutschen Kinderschutzbundes bezüglich der Pläne zum Krippenausbau in seinem Landkreis davor, Krippenplätze etwa in vorauseilenden Gehorsam zu schaffen, Zitat: Man wird dabei kaum eine Bedarfsermittlung machen können, nach der sich dann Angebote entwickeln. Vielmehr zeigen Beispiele, dass Angebote die Nachfrage wecken, die Nachfrage sich also nach dem Angebot richtet. Auf Deutsch: Kein Angebot, keine Nachfrage, weil die gar nicht erst geweckt wird. In einer Gemeinde bei München ist man noch viel weiter: Dort versuchen ruhebedürftige Anwohner den Bau einer Kinderkrippe zu verhindern, die Verzögerung der geplanten Eröffnung um ein Jahr haben sie schon erreicht. Bauverhinderungen und immer mehr Klagen wegen Lärmbelästigung, die alternde, kinderentfremdete Gesellschaft braucht Ruhe - vor Kindern.

Kinder in BewegungOb Landräten und Bürgermeistern noch rechtzeitig auffallen wird, dass sie den noch verbliebenen Familien mit der Ausdünnung ihrer Infrastruktur den wirtschaftlichen Boden unter den Füßen wegziehen?. Die Folgen solcher Fehlentscheidungen merken diese und andere wohl erst dann, wenn sie feststellen werden, dass man selbst für die altengerechtesten Wohnungen irgendwann Personal braucht, das jünger als 80 Jahre alt ist. Essen auf Rädern, so erfährt man aus Pilot-Regionen, die den Ernstfall proben, werde auch nicht mehr von Zivis ausgefahren (von denen gibt’s zu wenige), sondern von jüngeren Alten um die 50 bis 60. Dadurch werden angeblich massenhaft Jobs entstehen. Doch, wie immer bei diesem Thema, weiß niemand, wer diese bezahlen soll, wenn in Deutschland nicht, wie gegenwärtig, 20, sondern 30 Millionen Rentner und Pensionäre leben werden. Nur wenige dieser künftigen Ruheständler-Mehrheit werden sich notwendige Dienstleistungen einkaufen können. Und die eigenen Kinder müssen arbeiten. Der Sozialverband SoVD schätzt, dass 35 Prozent der derzeit vollbeschäftigten Arbeitnehmer auch nach 45 Arbeitsjahren ab 2030 von Altersarmut betroffen sein werden. Nicht unwahrscheinlich, dass es vor diesem Hintergrund nur noch ehemaligen Dinks dann einigemaßen gut gehen wird. Wer den Begriff vergessen hat: Double Income No Kids (Doppeltes Einkommen, keine Kinder). Und der Rest?

Wie eine passende Realsatire dazu wirkt der Beschluss der Bundes-FDP aus dem Juni, sich bar jeder bereits verplanter kommunaler demografischer Rendite gegen die sogenannte Herdprämie (Geld direkt an Eltern, die ihre Kinder nicht in die Krippe geben) stellte und tatsächlich (wie auch von der Leyen) Gutscheine für Kinderbetreuung ausgeben will. Die FDP täte besser daran, künftigen Eltern in vergreisenden Landkreisen Benzingutscheine in die Hand zu drücken, damit diese ihren Nachwuchs in die wenigen, demnächst 150 Kilometer entfernten Kindergärten und Spielplätze bringen können. Traurig daran ist vor allem, dass mangels anderer, guter Ideen, alle Parteien dasselbe predigen und in der Familienpolitik eine mit Argumenten ausgestattete Opposition de facto nicht existiert. Dies dokumentiert u.a. die Versäumnisse der letzten 30 Jahre - wie wenig Familienpolitik von allen Parteien in den letzten Jahren überhaupt ernst genommen sowie aktiv und zukunftsgerichtet gestaltet wurde.

Von dem Aufwand für Schwerstpflegebedürftige, für die ein einzelner Pfleger nicht reicht, hört man wenig in öffentlichkeitswirksamen Reden. Ältere und Jüngere scheinen gleichermaßen nur in vorteilhaften Kategorien und pflegeleichten Altersgruppen allseits beliebt zu sein, z.B. als Touristen, somit als zahlende Kunden. Es gibt wenige konkrete Konzepte, die darauf schließen lassen, dass es ernst gemeint ist, mit dem Schaffen von Anreizen, damit Jüngere, wie Familien oder junge Fachkräfte, in der Region bleiben, geschweige denn zuziehen. Dabei ist gerade das neben einer wirtschafttspolitischen auch eine kommunale Aufgabe – mit langfristigen Folgen für die Wirtschaftskraft jeder Region, die allein von eingesparten Kindergärten und Spielplätzen nicht profitieren kann.

Irgendwann werden sehr viele älteren Mitbürger so alt sein, dass sie auf Hilfe von Jüngeren angewiesen sein werden. Doch bis dahin können Bund, Länder und Kommunen noch weitestgehend unbemerkt bei ihren Familien und Kindern einstreichen. Und den älteren Mitbürgern und Wählern gaukelt man derweil vor, es gäbe angeblich für alle ein agiles, selbstbestimmtes Leben bis zum Tod. Warum sagt man nicht offen, dass dieses nur dann möglich ist, wenn genug jüngere Menschen vorhanden sind, die solch ein Leben finanzieren und die dazu notwendigen Hilfestellungen anbieten können? Viele Menschen haben noch nie ein Pflegeheim von innen gesehen - bis sie selbst in einem landen. Die wenigsten der gegenwärtigen Hochbetagten haben selbst Eltern gehabt, die über Jahre und Jahrzehnte an Demenz und Alzheimer oder anderen schweren, chronischen Erkrankungen des Alters litten. Stationen mit bettlägerigen Schwertpflegebedürftigen werden in der Regel weder von Vertretern der Politik oder der Wirtschaft noch von jenen heimgesucht, die nicht selbst unmittelbar Betroffene sind, etwa durch die eigenen, pflegebedürftigen Eltern, Partner oder andere Verwandte.

Das nördlichste Bundesland, Schleswig-Holstein, erreicht bis zum Jahr 2050 einen Altersquotienten (Zahl der ab 65-Jährigen auf die Zahl der Erwerbsfähigen von 15 bis 65) von 88, ein Wert, der nur noch von den neuen Bundesländern überboten wird. Allein 88 versorgungsbedürftige, weil nicht erwerbstätige, alte Menschen, die - zusätzlich zur eventuell noch ein paar vorhandenen Kindern - von allein 100 Erwerbsfähigen (nicht Erwerbstätigen) versorgt werden sollen, und die einsam eine komplette Infrastruktur, mit allem, was daran an Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung hängt, am Laufen halten müssen? Wer könnte da noch Hochbetagte pflegen, wenn keine Jüngeren mehr dafür in der Region zur Verfügung stehen, weil sie nicht vorhanden sind oder keine Zeit haben? Und das ist längst nicht alles.

SonntagsfahrerDie Uhr tickt weiter. Während sich Bundesfinanzminister Steinbrück auf die Schulter klopft, weil er generös ein paar Millionen Euro für ein paar Millionen Kinder freigeben wird, sofern der Rest der älteren Jugend weiter in die Röhre schaut, tauchen die ersten Hitzewallungen auf. Die tickende Uhr war begrifflich bis vor kurzem noch von individuellen Frauen mit Kinderwunsch besetzt, deren Hormonumstellung naht - und auch von Männern, die zum ersten Mal spüren, dass ihre Lebenszeit begrenzt ist. Inzwischen befindet sich ganz Deutschland in den Wechseljahren und keiner will wissen, was danach kommt. So scheint es jedenfalls, wenn man sich die bisher magere Ausbeute an konkreten Vorkehrungen ansieht.

Zum Beispiel, die Universitäten. Diese entlassen nicht nur zu wenige Ingenieure, sondern lassen diese auch ins Ausland abwandern und gleichzeitig wandern kaum welche ein. Wanderungsverlust nennt man das, was allmählich in allen Zuwanderkategorien der Statistiken aus Bund, Ländern und Gemeinden zu finden ist. Alles Tatsachen, die von Entscheidern aus Politik und Wirtschaft beeinflusst werden können und weitestgehend verschlafen worden sind. Zurückliegende, nicht mehr zeitgemäße Entscheidungen haben die Weichen für die Zukunft dermaßen schlecht gestellt, dass die Nachteile einer alternden Gesellschaft noch schneller und noch härter eintreffen werden, als ohnehin schon. Das hält allerdings auch in der Gegenwart nur wenige Landesfürsten davon ab, (universitäre) Bildung als solche in Frage zu stellen, erst recht die öffentlichen Ausgaben dafür, auch wenn in Sonntagsreden gern das Gegenteil behauptet wird. Was zum Beispiel Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) von Bildung versteht, gab er am 21. Juni in einem Fachvortrag an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig zum Besten: Die Frage stellt sich, ob man in Bildung investiert oder in Schulden. Dabei ist die Investition in Bildung eine Investition in Humankapital; und Humankapital entwertet sich ziemlich schnell, spätestens mit dem Tode.

Und das Zuwanderungsgesetz? Ein Gesetz, das von jungen, qualifizierten Einwanderungswilligen ein Jahreseinkommen von 85.000 Euro verlangt ist genauso verrückt wie Gutscheine für Kinderbetreuungseinrichtungen, die es entweder noch nicht gibt oder bald nicht mehr geben wird. Während Deutschland das Zeitfenster notwendiger Reformen mit sinnlosen Diskussionen vergeudet, werben andere Länder schon lange gezielt um junge, qualifizierte Einwanderer – zu marktüblichen Einstiegsgehältern.

Existenzgründungen in Deutschland nehmen ab. Wer von den Älteren die Nachkriegszeit erlebt hat, kann einige der Unternehmen erinnern, die in den ersten Jahren der jungen Bundesrepublik als ehemalige Klitschen* einmal ganz klein angefangen haben. Wer von den Jüngeren noch weiß, wie misstrauisch nach dem Platzen der Internetblase die Old-Economy reagierte und sich trotzdem kleine, feine High-Tech-Unternehmen durchsetzten, oder wer den jahrzehntelangen Kampf der Branche der regenerativen Energien verfolgt hat – an die am Anfang lediglich eine Handvoll Menschen glaubte -, auch der weiß, dass jede Unternehmung klein anfängt. Die meisten Firmen haben in ihrer Historie so einen Anfang im Miniformat mit wenigen Angestellten. Es liegt in der Natur der Sache, dass junge Absolventen und Firmengründer weit weniger verdienen als erfahrene Angestellte mit mehreren Weiterbildungen sowie etablierte Unternehmer, es sei denn, sie sind Erben. Für die Aufrechterhaltung eines Status Quo und für die Stagnation mag es reichen, wie es jetzt läuft, doch für den Fortschritt muss man mehr tun.

Kinder beim SackhüpfenWer gründet, braucht Mut, viel Geduld, Geld und Rahmenbedingungen. In Deutschland gibt es immer weniger davon. Hier muss ein einwandernder Unternehmer den garantierten Erfolg gleich mitbringen, eine Million Euro Kapital und zehn Arbeitsplätze. Darf es vielleicht noch ein bisschen mehr sein? Aber, na klar: Die Fingerabdrücke, bitte! Eine alternde Gesellschaft und mit ihr eine alternde Wirtschaft, die sich also nicht nur zwei Millionen Kinder in Armut leistet, sondern außerdem jungen, talentierten Menschen mit guten Ideen die Tür vor der Nase zuschlägt, muss über sehr viel Geld und viel Zeit verfügen. Die Jüngeren haben beides nicht - und quittieren wortwörtlich, indem sie einfach in die USA oder anderswohin gehen.

Doch auch das ist längst noch nicht alles, die Uhr tickt weiter. Die Mehrheitsverhältnisse verschieben sich. Diese Mehrheit will immer mehr ihre Ruhe haben, und zwar schneller, als es die Wissenschaftler der Demografie eigentlich vorgesehen hatten. Die Forscher haben offenbar nicht bedacht, dass innerhalb der demografischen Entwicklung das Phänomen der vorzeitigen Alterung so früh auftreten würde. Wieder haben Politik und Wirtschaft keine Antworten für eine gereizte Stimmung, in der sehr unterschiedlicher Lebensmodelle aufeinanderprallen z.B. Frührentner auf Kinder – und Kinder, so wissen wir inzwischen, scheinen schon lange keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern nur eines von vielen Lebensmodellen, austauschbar und vermeidbar zu sein.

Ausgerechnet im kinderarmen Deutschland müssen sich Gerichte mit immer mehr Klagen von ruhebedürftigen Anwohnern und Eigentümern befassen – gegen Kinderlärm. Im erwerbfähigem Alter, ab Mitte 40 und kinderlos – so verraten die zuständigen Stellen – seien die lärmbelästigten Kläger, sei es, weil die eigenen Kinder schon aus dem Haus sind, sei es, weil sie nie welche hatten. Im Endeffekt kommt dasselbe dabei heraus: Die so Kinderlärm-Entwöhnten verlangen Rücksicht von spielenden Kindern, zum Beispiel das Einhalten von Ruhezeiten am hellichten Tag, oder leises Spielen auf dem Bolzplatz, auf dem vor kurzem noch wilde Spiele zweier kompletter Mannschaften ausgetragen werden konnten. Nicht wenige Vertreter der Groß- und Urgroßelterngeneration, die eigentlich Hochbetagten, lächeln indes, lehnen sich zurück und schlafen weiter - trotz Kinderkrach. Die heutigen Ruhebedürftigen, die vor Gerichte ziehen, sehen deutlich jünger aus, als sie sich verhalten.

Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht: Abgesehen von Frührentnern im Grünen, die grundsätzlich immer erst dann aus ihrem Rückzug ins Private aufwachen (und sich bis dato auch nur selten für andere oder ihre Umwelt interessierten), wenn man ihnen wahlweise eine Autobahn, einen Flugplatz oder einen Kindergarten vor die Nase setzt, gibt es auch noch Erwerbstätige. Ob die Vertreter von Wirtschaft, Politik und kommunaler Verwaltung irgendwann ahnen, dass ihre künftigen altengerechten Wohneinheiten nichts an der Tatsache ändern werden, dass sie selbst dafür gesorgt haben, dass immer weniger Menschen immer mehr, zu immer unregelmäßigeren Zeiten arbeiten,– und dass diese hochverfügbaren Hochgestressten irgendwann so schlafbedürftig sind, dass sie selbst die Säuglingsstation eines Krankenhauses verklagen würden, wenn sie dafür ein paar Stunden Schlaf bekämen? Nein, das ahnen sie ganz bestimmt nicht, von einer Lösung solch differenzierter Wohn- und damit Planungsprobleme ganz zu schweigen.

Hoffnungsvoll richten vereinzelte Kommunen inzwischen generationsübergreifende Spielplätze für Kinder und Senioren ein. Ein Zitat aus der Marburg, wo sich der Seniorenbeirat umhörte, ob die Älteren an einer solchen Anlage Interesse daran hätten, zeigte einen weiteren Graben zwischen den Interessen von jung und alt: Viele fanden die Idee, mit den ganz kleinen Kindern gemeinsam zu spielen, gut. Aber alle hatten Angst vor den größeren Kindern, die schon in die Schule gehen. Die Angst vor Schulkindern findet sich indes schon heute auf den von Kleinkindern und ihren Eltern frequentierten Spielplätzen. Wenn Schulkinder jedoch auf öffentlichen Spielplätzen lediglich als unangehm bis angsteinflößend wahrgenommen werden, wo sollen sie sich dann bewegen - vor allem diejenigen unter ihnen, die kein Geld für Sportvereine und andere kostspielige Freizeitareale übrig haben?

Kinder vor dem ComputerLehrer, Eltern, Ärzte, Ausbildungsbetriebe - kurzum, alle Erwachsenen klagen: deutsche Kinder und Jugendliche trinken bis zur Besinnungslosigkeit, seien zu dumm und zu dick. Für die gewichtigen, faulen Kinder würden jetzt Bewegungscamps geschaffen, titelte die Presse im Juni genüsslich landauf, landab. Obwohl die Jugend viel zu fett sei, hocke sie auch noch stundenlang vor dem Computer. Sie werden zu sehr behütet, säßen allgemein zu viel im Haus herum und würden verzärtelt. Dabei seien ausschließlich sie selbst - und natürlich ihre Eltern - Schuld an der ganzen Misere. Selten bringt jemand den Rückzug in die vier Wände, an den Computer und in den Alkohol mit dem Druck einer Kindern und Jugendlichen gegenüber ablehnenden bis hin zu feindlich eingestellten Umwelt in Verbindung. Und das ist längst nicht alles.

Die Erwachsenen, diese angeblichen Vorbilder, haben der gegenwärtigen Jugend u.a. Folgendes zu bieten: Verbote, Klagen, Beschwerden, teure Kinderbetreuungs-Einrichtungen, teure Universitäten und Schulbücher, gestrichenes Kindergeld, eingefrorenes Kindergeld, neuerdings auch weniger Elternunterhalt, zu wenig Ausbildungsplätze, Unterrichtsausfall, Personalabbau und andere Sparmaßnahmen in Kindertagesstätten, Schulen und Sportstätten, geschlossene Jugendtreffs, mit Hundkot durchtränkte Grünanlagen, außerdem Restaurants, Hotels, Wellness-Welten und andere Erwachsenen-Erholungs- und Bespaßungs-Räume, in denen Kinder zunehmend unerwünscht sind, geschlossene Schulhöfe, Skaterbahnen, öffentliche Schwimmbäder und Bolzplätze, auf all denen vor ein paar wenigen Jahren noch ganze Horden von Kindern toben, rollen, rasen, planschen, Handball, Basketball, Volleyball, Völkerball, Federball, Fußball oder sogar Rugby spielen durften. In einem Staat, der zu größten Teil aus erholungsbedürftigen Erwerbstätigen und Frührentnern besteht, die sich vorwiegend für ihre persönlichen Bedürfnisse interessieren, sind Kinder und Jugendliche im öffentlichen und privaten Raum zwangsläufig ein Störfaktor, der immer zu laut ist, zu viel Geld kostet und dafür nichts - außer Unruhe - verspricht. Da wirkt die Textzeile aus dem Lied der Kinderfernsehserie Rappelkiste aus den 70er Jahren auch nach 30 Jahren so aktuell wie nie: Willste übern Rasen laufen, musste dir ein Grundstück kaufen.

Ertragen werden Menschen unter zwanzig von einer wachsender Mehrheit ich-zentrierter Erwachsener nur noch dann, wenn sie still sind. Das funktioniert am Besten, wenn man sie vor irgendeinen Bildschirm setzt. Würden diese Erwachsenen es dagegen ernst meinen, mit ihren angeblichen Sorgen um die Jugend, dann ließen sie diese spielen, toben und (laut) lachen. Im bundesdeutschen Alltag jedoch versuchen Erwachsene ein ums andere Mal, Kindern und Jugendlichen die Bewegung regelrecht zu verbieten und ihnen damit ihren natürlichen Bewegungsdrang zu versagen.

Es ist der Freiheitsberaubung nicht unähnlich, wenn Kinder in Wohnungen und Häusern eingesperrt werden müssen, weil, kaum, dass sie den Rasen betreten, eine Klage wegen Lärmbelästigung riskieren. Selbst die der Jugend bisher noch zugestandenen, wenigen, verbliebenen Freiräume - umzäunte Reservate, wie Kindergärten und Sportstätten - sehen sich immer öfter mit Anfeidnungen und Klagen ihrer Nachbarn konfrontiert. Man ist sich für derartige Frontalangriffe auf die Bewegungsfreiheit von Kindern und Jugendlichen tatsächlich nicht zu schade. Die Nutzung des öffentlichen Raumes diktieren immer ruhebedürftigere Erwachsene: Ruhe, bitte: morgens, mittags, abends. Niemand will vor Freude kreischende Kinder bei Mannschafts- und Ballsportarten hören müssen. Wundern muss man sich dabei vor allem über eines: Warum sich Erwachsene allen Ernstes darüber wundern, dass sich Kinder und Jugendliche kaum noch bewegen möchten. Denn das, so eine immer häufiger geäußerte Erfahrung von Kindern, gibt ja doch bloß Ärger.

Weil auch das immer noch nicht reicht, soll auch noch die Landesunfallkasse Hamburg erwähnt werden, die es selbstverständlich nur gut meint, wenn diese Eltern rät, ihre Kinder nicht mit Skateboards und Rollern zur Schule fahren zu lassen, weil die Mini-Räder sich gern zwischen Platten und Gullis verhaken, mit der Folge unangenehmer Unfälle. Aber ist es nicht genau wieder jenes in Watte Packen, möglichst nicht bewegen und wenn ja, dann nur mit äußerster Vorsicht, das Ängste schürt, den Bewegungsdrang einschränkt und die Einübung von Automatismen (Gleichgewicht, Verkehrregeln usw) erschwert?

Vor kurzem wurde wieder ein Kind von einem Rottweiler gebissen - auf einem Spielplatz. Der Hund riss sich vom Nachbarschaftsgrundstück los. Das Kind erlitt eine tiefe Fleischwunde am Bein. Der Besitzer des Hundes leistete sofort Erste Hilfe. Dennoch: Müssen Kinder nicht vor allem vor Erwachsenen gewarnt werden, die vergessen haben, dass Kinder existieren? Kinder und Jugendliche, so sehr sie auch schon in der Lage sein sollten, auf sich selbst aufzupassen, werden trotzdem immer auf die Aufmerksamkeit von erfahrenen, vorausschauenden Erwachsenen angewiesen sein, weil Kinder, mangels Größe und Jugendliche mangels Erfahrung, Gefahren nicht immer richtig einschätzen können. So appellierte das Bürgerbüro Vekehrssicherheit in Bielefeld an die Autofahrer, gerade jetzt vorsichtiger und langsamer zu fahren: In den Sommerferien werden wieder mehr Kinder im Freien zu Fuß, mit Rollern, Fahrrädern und Skateboards unterwegs sein. Das muss man inzwischen offensichtlich immer wieder sagen. Von allein kommen Erwachsene nicht mehr darauf. Junger Mann Die meisten Unfälle, so das Bürgerbüro weiter, geschehen nicht auf dem Schulweg, sondern beim Spielen in der Freizeit. Besonders vorsichtig sollen Autofahrer Straßen mit auf beiden Seiten parkenden Autos befahren, weil Kinder zwischen diesen nicht in die Fahrbahn einsehen können. Ein kluger Rat. Hunde sind eben Hunde und auch Autos fahren nur so schnell, wie der Fahrer Gas gibt.

Die eigentliche Gefahr geht von Erwachsenen aus, die das Vorhandensein von Kindern und Jugendlichen immer mehr vergessen, immer häufiger übersehen und immer weniger wahrnehmen. Das gilt auch im übertragenen Sinn. Die Folgen dieses eingeschränkten Gesichtsfelds werden im besonderen Maße die Wirtschaft, und damit die Lebensgrundlage aller, empfindlich treffen, die ohne diese lärmenden Jugendlichen in Kürze genauso alt aussieht, wie bislang nur einzelne vergreisende Landkreise und Regionen, deren Elend dank geringer Medienpräsenz momentan noch erfolgreich verdrängt werden kann. Wie lange noch?

Wem dazu nichts einfällt, außer Kindergärten zu schließen und in Altenheime umzuwandeln, hat keinerlei Bewusstsein dafür entwickelt, dass nur mit Ruheständlern - und seien sie noch so wohlhabend - weder eine Kommune am Leben erhalten noch ein Staat ins nächste Jahrhundert gerettet werden kann. Wer bis jetzt nicht mitbekommen hat, dass die alternden Industrienationen längst scharfe Konkurrenten in der besten Ausbildung ihrer jungen Fachkräfte, der erfolgreichen Bindung derselben sowie der gegenseitigen, weltweiten Abwerbung von jungen, qualifizierten Mitarbeitern geworden sind, der hat’s wohl nicht anders verdient, als abgehängt zu werden. Manche bilden sich immer noch ein, dann hätten sie endlich ihre Ruhe. Doch genau das ist ein Trugschluss.

(*) Klitsche


2007-07-01 Angelika Petrich-Hornetz
Text + Illus: © Angelika Petrich-Hornetz
Fotos: © Cornelia Schaible, Sabine Neureiter, Angelika Petrich-Hornetz
Foto Themenbanner: Elisabeth Kärcher

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