von Juliane Beer
Juli 2008
Welcher Tag? Gute Frage! Weiß der Teufel, wie lange ich dagelegen habe.
Erste Inventur: Hose am Knie zerrissen, Jackett nicht auffindbar, beide Schienbeine voller blauer Flecken, linke Schulter irgendwie verrenkt. Schwindelig ist mir auch.
Im Wasser treiben Flugzeugteile. Und Passagiere. Letztere tot. Als ich einigermaßen zu mir gekommen war - es muss um Mittag herum gewesen sein - schwamm ich gleich raus, um mir die Sache genauer anzusehen. Nachdem ich den dritten Kopf hochgehoben und wieder nur in ein aufgequollenes, lebloses Gesicht geblickt hatte, wurde mir übel und ich brach den Ausflug ab. Und im Club wird wahrscheinlich gerade der Lunch an den Pool serviert! Ich darf gar nicht dran denken.
Am Strand sieht es nicht besser aus. Überall Koffer, zerquetscht, aufgerissen; Klamotten säumen das Ufer, meilenweit, ich bin einmal um die Insel gelaufen. Hatte mir eine Bambusstange mitgenommen, um das Zeug nicht mit bloßen Händen anfassen zu müssen, man weiß ja schließlich, dass einige Leute die widerliche Angewohnheit haben, ungewaschene Klamotten in ihre Koffer zu packen. Aber nein, so viel ich auch herumstocherte - nur Billigfummel. Und Leichen. Überall Leichen. Eine Zumutung! Das hier nennt sich erster Urlaubstag! Von meinem eigenen Koffer weit und breit keine Spur.
Am Abend bin ich noch mal zum Flugzeugwrack hinausgeschwommen. Eine Kiste Tomatensaft, größer war die Ausbeute nicht. Mit den eingeschweißten Menus und Sandwiches war nichts mehr los. Völlig aufgeweicht.
Zurück am Ufer reinigte ich die Bambusstange und spitzte sie an. Habe das mal in einem Film über Primitive gesehen. So gehen die Jungs auf Fischfang. Mein Schweizer Messer und mein Zippo steckten wie durch ein Wunder noch rechts und links in den Hosentaschen.
Zum Abendessen gab es ein paar hässliche, kleine Fische. Viel mehr schwamm vorne im seichten Wasser nicht herum. Briet die dürren Dinger notdürftig über einem Lagerfeuer. Dazu Tomatensaft und Wasser aus einer Quelle. Leicht gelblich das Zeug. Schmeckte aber o.k. Hab es runtergeschluckt, ohne genauer hinzuschauen. Versuchte, nicht daran zu denken, dass im Club in diesem Moment das Drei-Gänge-Menü serviert werden würde.
Tag 2
In aller Frühe aufgewacht. Die Papageien veranstalten einen Lärm, der an Unverschämtheit grenzt. Und wie die Viecher aussehen - so schrill bunt, dass es in den Augen wehtut. Beschloss also, aufzustehen, Urlaub hin oder her. Hatte mir gestern Abend unter einer Palme mit Hilfe von Blättern und einer Art weichem Stroh ein notdürftiges Nachtlager gebaut. Dann aber nur oberflächlich gepennt, bei jedem noch so kleinen Knacken bin ich hochgefahren. Wer weiß, was für Bestien, menschlicher oder tierischer Natur, hier hausen. Die Insel ist mir völlig unbekannt, habe auf noch keiner Karte gesehen, dass vor der Südküste von Spanien eine Insel liegt, die man in circa zwei Stunden umwandern kann. Aber nun gut, vielleicht ist das Flugzeug vor dem Absturz völlig vom Kurs abgekommen, und ich bin Gott weiß wo.
Takatukaland. Und dazu die ganze Zeit das Geschrei dieser bunten Viecher. Im Club spannen sie am Pool wahrscheinlich gerade die Sonnenschirme auf und richten die Liegen her. Ich versuche diese Vorstellung zu verdrängen.
Dachte einen Moment daran, das Innere der Insel zu erkunden. Unmöglich, dass ich der einzige Überlebende bin. Überlegte es mir dann aber doch anders; im Flugzeug saß diese ganze Pauschal-Touri-Bande, falls auch nur drei von denen überlebt haben, hocken die wahrscheinlich irgendwo im Inneren der Insel auf ihren dicken Hinterteilen unter einem Baldachin, selbst zusammengebastelt aus geblümten Strandklamotten, und singen deutsche Trinklieder. Bier haben die sich wahrscheinlich auch schon selbst gebraut. Zur Not aus Palmenwurzeln. Diese Art von Leuten ist erfinderisch, wenn es darum geht, es gemütlich wie zu Hause zu haben.
Nee, dachte ich, lass das sein, hier am Strand hast du wenigstens deine Ruhe. Bin stattdessen etwas im Gestrüpp rumgelaufen und habe mir ein paar Sachen zusammen gesucht, um mein Nachtlager zu verbessern. Ich will im Urlaub wenigstens ordentlich pennen. Wenigstens das! Die Nächte um die Ohren schlagen muss ich mir schon 350 mal im Jahr.
Mittags wurde es knalle heiß. Und ich ohne Sonnencreme! Habe also den halben Tag unter meiner Schlafpalme verbracht und Langeweile geschoben. Dachte an den Clubswimmingpool, Sonnenschirme, kühle Drinks, Tussis in Tangas ... verdammt! Einen gesamten Monatslohn musste ich hinblättern - um jetzt hier im Dreck zu sitzen. Aber wenigstens hat der Wind gedreht und die Leichen aufs Meer hinaus getrieben. Dieser Anblick war alles andere als schön, um es mal milde auszudrücken. Und meine Schulter fühlt sich auch wieder einigermaßen o.k. an. In diesem Leben muss man ja schon für Kleinigkeiten, die eigentlich selbstverständlich sein sollten, dankbar sein.
Als es endlich kühler wurde, bin ich dann doch ein Stück inseleinwärts gewandert. Unter einer Palme lagen lange, gelbe Früchte, habe ein paar davon eingesammelt, schlimmer als vergiften kann man sich nicht, und verhungern ist ja auch nicht das Wahre. Einen Ananasstrauch gibt es auch.
Aber die Teile sind so unpraktisch. Besonders, wenn man weder Teller noch Besteck hat. Ließ sie also da, wo sie waren.
Am Strand war dann Sandburg bauen angesagt, eine Sau-Arbeit ohne Schaufel! Aber falls diese Scheiß-Hitze mal einen Tag Pause zu machen geruht, kann ich mich über Tag da reinlegen und relaxen. Das hier nennt sich schließlich Urlaub, man glaube es oder nicht.
Dann wieder auf Fischfang gegangen. Heute gab es Krebse zum Abendessen, Krebse ohne Salz, Salat, Soße und sonst was; Junge, Junge, bin ich auf Diät, oder wie jetzt!? War auch nicht viel dran an den Dingern, nagte zwischen den Scheren rum, die Teile vertragen aber offenbar keinen Grill, sie zersplitterten im Mund wie Glas. Schließlich warf ich das ganze Zeug weg und zog mir ein paar von den gelben Fruchtdingern, oder was das sein soll, rein. Nicht übel, wenn auch völlig überzuckert. Alles klebte, Hände, Klamotten, meine Serviettenblätter, alles eben.
Beschloss im übrigen, das Lagerfeuer Tag und Nacht brennen zu lassen. Falls mal gnädigerweise jemand auf die Idee kommen sollte, nach uns zu suchen. Ich meine: natürlich nur, wenn Sie gerade nichts besseres vor haben, meine Damen und Herren!
Tag 3
Wieder mies gepennt. Die fremde Umgebung und das pausenlose Gezirpe von tausend Grillen. Wann schlafen die Biester eigentlich? Tagsüber, wenn die Papageien loslegen und normale Leute arbeiten und dafür einmal im Jahr Urlaub machen wollen!?
Die elende Hitze ging noch früher los als gestern. Ich bin in Schweiß gebadet, von morgens bis abends, will aber keinesfalls mit freiem Oberkörper rumlaufen, die UV-Strahlung wird es in sich haben. Das Schwindelgefühl ist auch noch da, wahrscheinlich gibt es hier Probleme mit den Ozonwerten, die sollen ja auf dem freien Land höher sein als in der Stadt. Verdammt, und nirgendwo ein richtiger Schutz. Das, was mal mein neues Windsor-Hemd war, hängt mir in Fetzen und Fransen am Leibe. Auch das werdet Ihr zahlen, Jungs! Auf Heller und Cent. Und wenn einer von Euch es wagen sollte, mich zu fragen, ob ich den Kassenbon aufgehoben habe, schlage ich zu. Wortlos und ohne Vorwarnung.
Überwand mich und bastelte mir aus zwei herumliegenden Strandfähnchen einen Turban. C&A Größe XL stand auf den Schildchen. Ab einem bestimmten Moment überwindet man sogar sein Schamgefühl. Mit diesem bescheuerten, hellgrün gepunkteten Turban bin ich in der Gegend herumspaziert, verspürte nicht die geringste Lust, wieder den halben Tag unter der Palme zu sitzen; ich sitze im Büro schon von morgens bis abends, hatte ja nicht umsonst das Active-Wellness-Programm mitgebucht. Wenn Ihr mir auch nur einen Cent berechnet, ich schleif' Euch Burschen vor Gericht!
Nachmittags verzierte ich die Wände meiner Burg ein wenig mit kleinen Muscheln. Aber zum Reinlegen war es wieder zu heiß. Mir knurrte den ganzen Tag der Magen, ernähre mich nur von den gelben Klebe-Dingern und dürren Fischlein, die überm Feuer fast vollständig verkohlen. Was mein Cholesterinspiegel zu dieser Kost sagt, möchte ich gar nicht wissen. Im übrigen ist mir so langweilig, dass ich ausrasten könnte. Schlug mich ins Gebüsch und versuchte, mir einen runterzuholen. Aber irgendwie ging gar nichts. Ich fühlte mich beobachtet, weiß der Kuckuck von wem.
Überlegte in meiner Not sogar wieder, vielleicht doch mal das Innere der Insel zu erkunden und nach den anderen Überlebenden Ausschau zu halten. Ließ es sein, Vernunft sei Dank. Ich kann dieses Prekariat einfach nicht um mich haben. Höchstwahrscheinlich haben die sich schon bis auf die vergilbte Untertrikotage entblößt und braten ihr Übergewicht in dieser sengenden Hitze. Ähh!
Schwamm also im Meer herum, zumindest sauber ist es, wenigstens das, ich hoffe nur, die Giftstoffe der Leichen sind mit aufs weite Meer hinausgetrieben. Das Flugzeugwrack ist noch da. Wie es aussieht, steckt es mit dem linken Flügel im Meeresboden fest. Kletterte hinein. Die untere Hälfte der Passagierkabine ist mittlerweile voll Wasser gelaufen. Inspizierte den noch trockenen Eingangsbereich. In einem Regal lagen einige Illustrierten und Tageszeitungen. Ich war so glücklich über meinen Fund, dass ich mich für den Rest des Nachmittags sogar an uralten Wirtschaftsberichten erfreute. Der erste Beinahe-Urlaubstag!
Gegen Abend wurde ich wieder in die Realität zurückgeholt. Ich hörte Motorgeräusche über mir. Ich ließ die Zeitung sinken, kletterte in rasender Eile aus dem Wrack, kroch den rechten Flügel hoch, winkte und rief. Der Hubschrauber kreiste über dem Strand, schließlich verschwand er hinter einem Palmenstreifen. Einen Moment lang hörte ich nichts mehr. Offenbar war er im Inneren der Insel gelandet. Ich sprang ins Wasser und schwamm so schnell wie ich konnte zurück an Land. Als ich am Strand ankam, erhob der Hubschrauber sich gerade wieder in die Luft. Ich winkte wieder wie ein Besessener, aber niemand schien mich zu sehen. Offenbar hatte man seine Beute gemacht, ein paar dicke Touris, mehr geht in so ein Ding eh nicht rein. Verdammt!
Es wurde schon dunkel, wie auf Kommando legten die Grillen wieder los. An der Bar der Club-Disko säße ich jetzt! Von Rechts wegen. Aber was ist auf dieser Welt schon Recht? Vier Geringverdiener von einer kitschigen, einsamen Insel zu retten? Pah!
Für diesen Absturz zahlt Ihr bis an euer Lebensende, Jungs, Euch wird es nie wieder in den Sinn kommen, die Flugzeugwartung zu sparen. Euch nicht - und all Euren Halsabschneider-Kollegen nicht! Ich werde ein in der Geschichte der Ferienflieger einmaliges Zeichen setzen mit diesem Gerichtsprozess; macht Euch auf was gefasst!
Ich blickte aufs Meer hinaus, die Sonne ging so rot unter, dass es einem den Sehnerv zu zerschneiden drohte. Ich setzte den lächerlichen C&A-Turban ab, schmiss ihn in das verdammte Meer und machte mich auf den Weg ins Innere der Insel zu den Prolls, um wenigstens mit dem zweiten Schwung an meinen teuer bezahlten Ferienort gebracht zu werden.
2008-07-01 Juliane Beer
Text: © Juliane Beer
Illustration + Themenbanner: ©aph
Schlussredaktion: Ellen Heidböhmer
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