So, Leute, ich im Nikolaus-Kostüm! KaDeWe, parterre. Neben dem Parfüm. Warum wohl gerade dort?
Aber nun gut. Alles wie letztes Jahr. Und das Jahr davor. Richtig kombiniert, dieses ist mein drittes Jahr als Weihnachtsclown... auhh! Kinder, die mir gegen die Beine treten, sind keine Seltenheit. Warum die das machen? Keine Ahnung. Die Welt wird halt immer verkommener.
„Ist der echt?" Schon wieder ein Tritt. Natürlich bin ich echt, echt bescheuert, hatte zwölf Monate Zeit, mir eine ehrbare Arbeit für Dezember zu suchen, viel mehr als Nikolaus hat die Studentenjobvermittlung nämlich im Dezember nicht im Programm.
Ich habe den Hintern nicht hochgekriegt.
Ganz anders vorne am Wühltisch, da geht es munter zu, da ist heute Betrieb. So viel Betrieb, dass niemand mich beachtet, was aber in Ordnung geht; gestern war lange Nacht, wissen Sie, auch das eine oder andere Bier floss, ein Nikolaus mit abgestandener Bierfahne – nein, da würde ich mich zuletzt noch glaubwürdig machen.
Aber das Gedränge am Wühltisch ist kurios. Das wäre noch vor zwei Jahren nicht möglich gewesen, nicht im größten Kaufhaus Berlins, da wurden die Wühltische erst Ende Januar aufgebaut, wenn auch die Weihnachtsgeldgeschenke endlich dem ewigen Kreislauf zugeführt sind.
Was mir noch zu Wühltischen vor Weihnachten einfällt: So teuer kann das ganze Zeug da drauf mit anderen Worten nicht sein, glaube kaum, dass mein Boss auf Gewinn verzichtet, um der steigenden Anzahl von Armen im Land ein hübsches Fest zu bereiten. Also: Das, was heute auf dem Wühltisch lagert, ist sonst vollkommen überteuert, so wird es jetzt, zur Feier des Tages, regulär verkauft, um es später, wenn es verschmäht wurde, wirklich herabzusetzen. Wirtschaftskunde, drittes Semester.
Können Sie mir folgen?
Übrigens hat mir gestern ein Hund gegen das linke Bein gepinkelt. Der Tannenduft, mit dem ich morgens eingesprüht werde, wird ihn dazu animiert haben. Die Leute rings um haben gelacht. Schadenfroh, als sei ich so etwas wie lästig. Dabei spreche ich niemanden an. Darf ich gar nicht. Ich darf allerhöchstens sprechen, wenn man das Wort an mich richtet, ansonsten soll ich schweigend lustwandeln, zwischen Parfümerie und Lederwarenabteilung. Und wieder zurück.
Mist! Gerade zupft mir wieder so eine Blage an den Klamotten. Und plärrt irgendetwas zum Thema Süßigkeiten. „Bist du jetzt sttill!", kreischt schrill, dass es durch Mark und Bein geht, Frau Mama, „Sonst kommt der Weihnachtsmann nicht zu uns!"
Recht hat sie. Da würde ich auch nicht hingehen.
Gestern, als ich mal auf Toilette musste, was sich selbst ein Nikolaus nicht verkneifen kann, kam ich oben im dritten Stock an der Damenwäscheabteilung vorbei. Eine Dame feilschte gerade um ein seidenes Hemdchen. Viel zu teuer wäre das für ein Geschenk. Die Verkäuferin wollte keinen Rabatt gewähren. Dürfte sie gar nicht. Die Dame kaufte besagtes Hemdchen nicht, fragte aber, ob es denn in ihrer Größe vorrätig wäre. Als die Verkäuferin das Hemdchen in jener Größe hervorgegraben hatte, zahlte die Dame anstandslos den hohen Preis. Egoistische Gene in Aktion, sage ich nur. Frohes Fest!
Halt!, dies noch:
Gestern zirpte eine wunderschöne, reizende, süße, bezaubernde Blondine mich an:
„Wie sehen Sie dennn in Wirklichkeit aus, Herr Nikolaus?"
Ich kam mir plötzlich mega-dämlich vor in meiner roten Kluft, das brauche ich wohl kaum zu erwähnen. Zudem war ich zu schüchtern, meine Schönheit zu preisen. Mann, ich Idiot! Dieses hinreißende Geschöpf - und ich fistelte unter meinem Bart hervor: „Sie sehen doch, wie ich aussehe!"
Und: "So soll ich mit Ihnen in ein Café gehen?"
„Wahre Schönheit kommt von innen!", entgegnete ich einfallslos, aber da war die Schöne schon weitergegangen, was ich an ihrer Stelle selbstverständlich auch getan hätte.
Nie wieder Nikolaus!, versicherte ich mir. Bis nächstes Jahr.
Stichwörter: KaDeWe * NIKOLAUS * WEIHNACHTEN * GESCHENK * GENE *
von Renate Giese
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2009-12-8 Juliane Beer
Text: © Juliane Beer
Stichworte: Renate Giese
Illustration: ©aph
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